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Leseprobe EHEC-ALARM von Lothar Beutin

EHEC-ALARM, ein Wissenschaftskrimi von Lothar Beutin.

Als man sie bemerkte, war sie schon längst da. Eine Epidemie ist immer schon da, bevor man von ihr Kenntnis nimmt. Es dauerte seine Zeit, bis die zuständigen Stellen in der Gesundheitsüberwachung bemerkten, dass die Zahl der Infektionen mit EHEC-Bakterien über das sonst übliche Maß anstieg. Dazu trug auch die schlechte Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Behörden bei, die sich gegenseitig ihre Zuständigkeiten streitig machten. Aber auch Scheu vor Verantwortung, Bequemlichkeit, Ignoranz und Profilneurosen in manchen Führungsetagen taten ihr Übriges, um eine Zusammenarbeit zu behindern.

Ab einem bestimmten Pegelstand bei der Zahl der Neuerkrankungen hielten die Dämme der persönlichen Befindlichkeiten und der Abgrenzungen zwischen den Institutionen nicht mehr stand. Nachdem in der an der Elbe gelegenen Kreisstadt Brunsbüttel die Fälle von akutem Nierenversagen unerklärlich zugenommen hatten, lichtete sich der Dunst in den Betonköpfen, der die Störung der alltäglichen Geschäfte nicht freiwillig zuließ. Die EHEC-Epidemie tauchte in ihren Konturen aus dem Nebel auf und von da an überschlugen sich die Ereignisse.

Die Epidemie kümmerte das nicht, sie fand einfach statt. Wie man sich auch zu ihr stellte, man wurde mitgerissen, wie von einer Flut, die sich nicht darum schert, was ihr in den Weg kommt. Am Morgen des 29. April 2011 hatte Leo Schneider es schwarz auf weiß auf seinem Bildschirm. Eine E-Mail aus dem Richard Pfeiffer Institut mit der lapidaren Meldung über eine ungewöhnliche Häufung von Patienten mit Nierenversagen in Landkreis Dithmarschen. Zuerst dachte Schneider an einen Zusammenhang zwischen den Erkrankten. Das war nur logisch. Es kam öfter vor, dass sich mehrere Restaurantgäste auf einen Schlag mit Krankheitserregern infizierten, wenn das Essen mit Bakterien verseucht war. In den meisten Fällen waren es Salmonellen. Seltener waren es EHEC, aber dann verliefen die Erkrankungen viel dramatischer. Die übelste Komplikation bei EHEC-Infektionen war eine Form des Nierenversagens, die als HUS bezeichnet wurde. Von HUS war die Rede gewesen in der Meldung des RPI. Für Schneider bedeutete HUS, dass sein Labor und er gefordert waren.

EHEC stand für enterohämorrhagische Kolibakterien. Ein paar Hundert dieser Bakterien in einer Mahlzeit reichten schon aus, um blutigen Durchfall oder HUS hervorzurufen. Meist blieb es bei wenigen Erkrankungen, wenn der Ausbruch sich auf eine Familie, einen Kindergarten, ein Altenheim, oder ein Restaurant begrenzte. Die mit EHEC verseuchten Lebensmittel hatte man in der Regel schnell identifiziert und aus dem Verkehr gezogen. Damit blieb der Ausbruch auf das unmittelbare Ereignis beschränkt. Aber dieses Mal sah es nicht so aus. Nachdem im Laufe des Vormittags mehr Informationen zu den HUS-Fällen in Brunsbüttel eintrudelten, wurde klar, dass es sich nicht um ein isoliertes Geschehen handelte. Es gab mehrere Ausbruchsnester in der Stadt und im Landkreis Dithmarschen, zwischen denen kein erkennbarer Zusammenhang bestand.

EHEC-Alaram ein Wissenschfts-Roman von Lothar Beutin Mikrobiologe, Probe in Petrischale
Für Leo Schneider wird sichtbar, dass einen ungeahnten Zusammenhang  zwischen  den EHEC Fällen in Kiel und Brunsbüttel gibt.

Schneider griff zum Telefon und rief Karsten Seiboldt an, den Leiter des Brunsbütteler Lebensmitteluntersuchungsamtes. Seiboldt war freundlich, blieb in der Sache aber vage. Es sei noch zu früh, um über mögliche Ursachen zu spekulieren, man müsse abwarten. Hilfe wollte Seiboldt nicht, meinte nur, das sei zu früh und zu diesem Zeitpunkt nicht nötig. Außerdem hätte er in der Sache schon Kontakte zur Arbeitsgruppe von Professor Puster am Exzellenzinstitut in Kiel aufgenommen.

Er weiß mehr, als er sagt, dachte Schneider. Aus Seiboldts Stimme spürte er den Druck, der auf ihn lastete. Möglich, dass er das nächste Mal gar nicht mehr zu sprechen sein würde, wenn Schneider anrief.

Bei dem Namen Puster kamen Schneider Erinnerungen. Als Schneider noch am Institut für experimentelle Infektiologie (IEI) geforscht hatte, musste er Puster mit seinen Äußerungen auf die Füße getreten sein. Puster schien es nicht zu tolerieren, wenn andere in Deutschland unabhängig von ihm auf dem gleichen Gebiet arbeiteten.

„Den Schneider werde ich wissenschaftlich fertigmachen“, hatte Puster damals einem Kollegen gesteckt, der die Botschaft an Schneider weitergab. Dazu kam es jedoch nicht mehr, denn bevor Pusters Bestrebungen wirksam wurden, hatte der Direktor des IEI, Professor Krantz, schon reinen Tisch gemacht und Schneiders Forschungen auf Abwehr gegen Bioterrorismus umgestellt. Schneider musste sein Arbeitsgebiet wechseln, und schlug sich von da an mit Giftstoffen wie Rizin und Botox herum, bis er dem IEI endgültig den Rücken kehrte. Ein gutes Jahr lang hatte er seine Verbindung zur Wissenschaft gekappt, um mit seiner Frau Louisa monatelang durch die Welt zu ziehen. In dieser Zeit lebten sie eher bescheiden von dem, was sie erspart hatten und was Louisa als Übersetzerin verdiente. Nachdem Leo Schneiders Wissen für die Geheimdienste und das Militär uninteressant geworden war, hatte sich das unsichtbare Netz, das sich um ihn und seine Frau zusammengezogen hatte, in Luft aufgelöst. Seitdem waren fast drei Jahre vergangen.

Irgendwann hatte er sich wieder mit der Idee angefreundet, in seinem alten Beruf als Mikrobiologe zu arbeiten. Jetzt war er gerade achtundvierzig geworden und hatte es sich an seiner neuer Arbeitsstelle mit wenig Illusionen, was seine berufliche Zukunft betraf, eingerichtet. Es war das ehemals staatliche, inzwischen in eine Stiftung umgewandelte, Institut für Lebensmittelkontrolle und Hygiene. Das ILH, wie es allgemein abgekürzt wurde, hatte zur Aufgabe, sich um spezielle Fragen zur Lebensmittelsicherheit zu kümmern.

Das ILH lag im Norden Berlins, im Bezirk Reinickendorf. Eine große Anlage mit mehreren Gebäudekomplexen, die größtenteils aus den 1960er Jahren stammten. Die wirklich große Forschung, wie Schneider sie früher einmal kennengelernt hatte, war am ILH nicht möglich. Dafür sorgten die Beschränkungen einer gut zementierten Bürokratie und die Vorgesetzten, die noch aus dem alten Beamtenapparat stammten. Diese Leute spürten, wie mit der Umwandlung des ILH in eine Stiftung ihre Zeit ablief, und hatten nur ein Ziel, keinen der neu eingestellten Mitarbeiter hochkommen zu lassen. Jeder innovative Ansatz wurde von diesen Leuten als Abweichung von den Aufgaben des Institutes gebrandmarkt und unterdrückt. Die ehemals gültigen, gesetzlich festgelegten Aufgaben des ILH dienten immer noch als Begründung für eine Fülle von Vorschriften, welche die Beantragung einer simplen Forschungsarbeit zu einem Kräfte verzehrenden Marsch durch das Dickicht der Dienstwege mutieren ließ.

Das Ganze lief unter dem Stichwort Abstimmung. Das klang vordergründig nach Absprache, Beteiligung und Demokratie, aber in Wirklichkeit war Stagnation das Wort, welches diese Situation am besten beschrieb. Ein Motivationsaushöhlungsprozess, der sich durch alle Bereiche des Institutes wie zäher Kleister zog. Mit der Folge, dass viele am ILH nur noch daran interessiert waren, ihre Arbeit zu einer Routine schrumpfen zu lassen, welche die Zeit zwischen den Pausen ausfüllte. Neue Ideen und Veränderungen störten dabei nur. Als Schneider das am Anfang nicht einsehen wollte, sah er sich bald einem wachsenden Widerstand gegenüber, der von seinen Vorgesetzten noch bestärkt wurde.

Schließlich hatte er das System, nach dem es am ILH lief, verstanden. Durch strikte Auslegung von immer neuen Vorschriften war es möglich, die Arbeitsabläufe so zu verlangsamen, dass schlichte Bequemlichkeit sich als korrektes Einhalten von Verwaltungsabläufen darstellte. Schneiders anfängliche Bestrebungen wurden schwächer, bis zu einem Grad, wo er die Abläufe nicht mehr störte und noch geduldet wurde. Diese Ebene bewahrte ihm noch eine gewisse Handlungsfreiheit, sich um Dinge, die er selbst für notwendig hielt, kümmern zu können. Es war nicht so wichtig, was er gerade tat, solange er nicht an den Eckpfeilern der Hierarchie und der Verwaltungsabläufe rührte.

Karsten Seiboldts immer ungeduldiger klingende Stimme schreckte Leo Schneider aus seinen Gedanken auf. Es war klar, dass Seiboldt nichts weiter über die Epidemie herauslassen wollte. Nach den immer drängenderen Fragen von Schneider beendete Seiboldt schließlich das Gespräch mit dem Satz: „Ich schicke dir eine Mail, sobald ich mehr weiß.“ Leo Schneider wusste, er würde von dieser Seite auch in Zukunft nichts Neues mehr erfahren.

***

Es war einfach gewesen, fast zu einfach. Alles, was er brauchte, passte auf einen halben Quadratmeter eines gewöhnlichen Labortisches. Ein Styroporgefäß mit ein wenig gestoßenem Eis, um das Ganze kühl zu halten. Im Eis halb eingebettet ein Plastikständer mit leeren Reaktionsgefäßen und den konisch zulaufenden Röhrchen, die mit den notwendigen Reagenzien gefüllt waren. Einige Pipettierschritte, eine Wärmebehandlung, danach eine Fällungsreaktion bei -20 °C. Jeder halbwegs begabte Biologiestudent im Hauptsemester hätte diese Arbeiten machen können.

Den Bakterienstamm für sein Experiment hatte er vor fünfzehn Jahren von einer Kollegin bekommen. Sie arbeitete als Ärztin in Zentralafrika und wusste, dass er sich gerne mit ungewöhnlichen Mikroben beschäftigte. Dieses kleine Biest hier war ein Kolibakterium, isoliert aus dem Stuhl eines HIV-Patienten, der im städtischen Krankenhaus in Bangui verstorben war. Seine Kollegin hatte ihm geschrieben, dass der Mann an einer langwierigen, schwer therapierbaren Durchfallerkrankung gelitten hatte. Sie hatte den E. coli Keim aufgehoben, weil er ihr ungewöhnlich erschien und hoffte, er würde etwas an ihm finden, was die langwierige Durchfallerkrankung erklären konnte.

Er war damals noch jung gewesen, nahm neue Herausforderungen gerne an und hatte sich mit diesem Bakterium eine Zeit lang beschäftigt. Damals waren die technischen Möglichkeiten beschränkter gewesen. Trotzdem hatte er etwas herausgefunden. Es war die Eigenschaft dieser Mikrobe, sich hartnäckig an das menschliche Darmgewebe anzuheften. Hatte man sie erst einmal in den Eingeweiden, wurde man sie so schnell nicht wieder los. Damit war klar, warum seine Kollegin den Afrikaner mit seiner Immunschwäche nicht hatte retten können.

Er schrieb ihr, er hätte etwas Neues entdeckt, aber bald stellte sich heraus, dass solche Bakterien schon früher beschrieben worden waren. Daher gab er weitere Arbeiten an dem Keim auf, um sich aktuell dringlicheren Projekten zu widmen.

Diese Entscheidung hatte sich gelohnt, denn er wurde mit seinen Forschungen über Bakterien, die Giftstoffe bilden, sehr bekannt. Ein Abschnitt seiner wissenschaftlichen Laufbahn war von Erfolgen aus diesen Arbeiten gekrönt. Dementsprechend wurden seine Forschungsarbeiten bald großzügig gefördert. Aber diese Hochphase hielt nicht für immer an. Es gab Neider und Intrigen. Konkurrenten holten auf, machten ihm den Erfolg streitig und hatten ebenso gute Ideen und Mitarbeiter wie er.

Als die finanzielle Unterstützung seiner Forschungsarbeiten nachließ und ihr völliges Ausbleiben zu einer realen Gefahr wurde, war ihm dieser afrikanische Keim wieder eingefallen. Mit den Kenntnissen, die er sich über Gift bildende Bakterien erworben hatte, erschien ihm nur folgerichtig, was er tun musste. Er musste dem afrikanischen Bakterium, das sich im menschlichen Darm so innig ansiedelte, nur eine weitere Eigenschaft verleihen. Die Eigenschaft bestimmte Giftstoffe zu bilden, Shigatoxine, die den menschlichen Organismus angriffen und zu Nierenversagen führten.

Ein solches Bakterium hatte es vorher noch nicht gegeben. Vermutlich war es um ein Vielfaches gefährlicher als seine Stammväter, aus denen er es zusammensetzen wollte. Ein Killerbug. So nannte man einen Krankheitserreger, der durch genetische Veränderungen noch aggressiver geworden war. Das Auftreten eines solchen Killerbakteriums würde nicht unbemerkt bleiben und die Gesundheitsbehörden in Alarm versetzen. Dem Ersten, der den Killerbug erkannte und ihn erfolgreich bekämpfen konnte, waren wissenschaftliche Anerkennung und millionenschwere, finanzielle Förderung so gut wie sicher. In diesem Fall würde er der Erste sein.

Die Kontrollexperimente zeigten, dass seine Manipulation geklappt hatte. Die Mikrobe hatte die Eigenschaft, Shigatoxine zu bilden, angenommen. Nachdem er mit der Laborarbeit fertig war, setzte er sich für einen Moment und sein Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. Es spiegelte wieder, wie er sich in diesem Moment fühlte. Er war einfach genial. Für diesen Augenblick konnte er mit sich zufrieden sein. Andere in seiner Position gaben sich nur damit ab, sich Versuche auszudenken, die sie selbst nicht realisieren konnten. Er aber konnte alle Experimente, die er geplant hatte, auch selbst durchführen. Seine Leidenschaft zum Laborhandwerk hatte er nie völlig verloren. Eben das war es, was ihn als einen genialen Wissenschaftler auszeichnete.

Nachdem er seinen Killerbug konstruiert und auf einem Nährboden zum Wachsen gebracht hatte, war der erste Schritt getan. Die Prüfung, ob seine Kreatur die Shigatoxin Gene angenommen hatte, war erfolgreich verlaufen. Nun wurde die Sache schwieriger, denn mit Experimenten im Reagenzglas war es nicht mehr getan. Er musste prüfen, ob sein Konstrukt in der Lage war, bei Menschen ernste Erkrankungen hervorzurufen. Das afrikanische Kolibakterium war eng an den menschlichen Wirt angepasst. Mit Tierversuchen war es also nicht getan. Nach Lage der Dinge musste es ein menschliches Versuchskaninchen sein.

Also blieb nur noch eine Lösung.

Sein Versuchskaninchen musste ahnungslos sein. Der Zufall würde entscheiden, wer an diesem Versuch teilnahm. Eigentlich war das genauso wie im täglichen Leben. Man ging irgendwo in ein Restaurant und zufällig erwischte es einen, Salmonellen oder noch etwas Schlimmeres. Gingen die Leute deswegen nicht mehr Essen? Keineswegs, die vollen Restaurants bewiesen das Gegenteil.

Er brauchte nicht zu wissen, wen der Zufall für sein Experiment ausgewählt hatte. Nur die Kontrolle über seinen Probanden und dessen Entwicklung musste er behalten. Nur so konnte er beurteilen, welches Potenzial sein Killerbug hatte. Das war alles.

Er hatte sein Experiment beendet, das Eis in den Ausguss geschüttet und ging zum Waschbecken, um sich seine Hände zu desinfizieren. „Eigentlich doch fair, oder?“, sagte er laut zu seinem Konterfei, das im Spiegel über dem Handwaschbecken zu sehen war. Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln, als hätte er einen Gesprächspartner, der gerade sein Einverständnis signalisiert. Der Zufall würde entscheiden. Genauso wie in der Natur und er war nur ein Teil davon. Seine Konkurrenten und die Neider würden das Nachsehen haben und die Fördergelder würden wieder fließen.

***

Kiel, im März 2011

Harald stand einen knappen Meter neben Ines an einem der langen Arbeitstische in einem der Laborräume, die zu Jörg Pusters Projektgruppe gehörten. Jeder hatte etwa einen Meter Arbeitsfläche, die mit Pipetten, Spitzen, Reagenzgefäßen und den paar Kleingeräten für die täglichen Versuche bestückt war. Ines und er waren erst vor drei Monaten nach einem harten Auswahlverfahren in Jörgs Arbeitsgruppe aufgenommen worden, was beide als große Chance und Auszeichnung betrachteten. Außer Harald und Ines gab es noch acht weitere Studenten in der Arbeitsgruppe. Alle ehrgeizig, auf ihr vorgegebenes Forschungsziel gerichtet und alle wussten nur das Nötigste darüber, was ihre Kommilitonen, die einen Meter entfernt neben ihnen arbeiteten, genau machten. Gerüchte kursierten, der Chef würde auf ein neues Projekt immer zwei Studenten ansetzen, ohne dass sie davon wussten. Nur einer der beiden würde nach drei Monaten weitermachen dürfen.

Zu Beginn ihrer Labortätigkeit blickten die Studenten kaum über den Tellerrand ihrer eigenen Projekte und konnten nicht erkennen, wer von den anderen ihr Konkurrent war. Sie machten auch nicht dieselben Versuche, das wäre zu durchsichtig gewesen. Aber viele Wege führen nach Rom und viele Versuchsansätze können dazu dienen, um dieselbe Fragestellung zu bearbeiten. Irgendwann würden die Studenten das wissen, aber dann war es für einen von ihnen bereits zu spät.

Ines Waldmann hatte ihre langen, braunen Haare zum Arbeiten hochgesteckt. Es fehlt bloß noch, dass sie eine Chirurgenhaube trägt, dachte Harald. Sie trug einen Kittel mit Rückenschluss, der ihre Körperformen vorteilhaft betonte und der, wie sie sagte, mehr Sicherheit gäbe, als die ewig halb offenen Vorderschlusskittel, mit denen ihre männlichen Kollegen herumliefen. Damit riskierten sie nur ihre Kleidung, oder noch schlimmer, ihre Haut mit winzigen Tröpfchen, die beim Pipettieren manchmal entstanden, zu bespritzen. Unsichtbare Spritzer von Bakterien konnten schon ausreichen, um sich anzustecken, wenn man unvorsichtig war. Harald blickte Ines verstohlen von der Seite an. Sie arbeitete so konzentriert, dass sie ihn kaum wahrnahm, zumindest schien es ihm so. Anfangs hatte er gedacht, sie würde sich vielleicht für ihn interessieren, aber das hatte sich bald als Irrtum herausgestellt, als er versuchte, das Gespräch in diese Richtung zu lenken. Auf diesem Ohr hörte Ines nicht, sie hatte nur ein Ziel, erfolgreich zu sein, und die Zeit in Jörgs Arbeitsgruppe betrachtete sie nur als ein Sprungbrett für ihre weitere Karriere.

Harald bewunderte die Zielstrebigkeit, mit der Ines und die meisten der Studenten ihre Arbeit verrichteten. Auch er hatte sein Projekt und ein Ziel, das sich eigentlich nicht von dem der anderen unterschied. Auch er suchte den Erfolg. Aber Harald fehlte der letzte Biss, der den von der Forschung Besessenen ausmacht. Er ließ sich leichter von privaten Dingen ablenken, im Gegensatz zu Menschen wie Ines, die ihm wie aus einem Guss gemacht schienen.

Als es kurz vor neunzehn Uhr war, hängte Harald seine Pipetten in das Drehkarussell, das vor ihm auf dem Labortisch stand. Er entleerte die Styroporbox mit dem inzwischen zu Wasser geschmolzenen Eis, auf dem er seine Versuchsansätze pipettiert hatte, in das Waschbecken und stellte die Gasflamme des Bunsenbrenners aus. Als er sich umdrehte, um seinen Kittel auszuziehen, bemerkte er, wie Ines ihn kurz mit einem abschätzenden Blick streifte. Sie fuhr fort, ihre Ansätze in die kleinen Plastikröhrchen, die Tubes genannt wurden, zu pipettieren.

„Tschüss“, sagte Ines, bevor Harald den Mund aufmachen konnte.

Er hängte seinen Kittel an einen Haken neben der Labortür und verließ den Raum mit einem gemurmelten Satz, der wie eine Entschuldigung klang, weil er um diese Zeit schon nach Hause ging. Wenn er morgen früh zur Arbeit erschien, war Ines wahrscheinlich schon da und man konnte ihr nicht ansehen, ob sie etwa die ganze Nacht durchgearbeitet hatte. So etwas war in Jörgs Gruppe durchaus üblich. In den Seminarräumen standen für solche Zwecke aus Privatwohnungen ausgemusterte Sofas, auf die man sich bei Nachtschichten zu Pausen hinlegen konnte. Harald verließ das Labor. Auf dem Flur, gerade als die Tür hinter ihm zuklappte, kam ihm ausgerechnet Jörg entgegen.

„Na Harald, schon fertig für heute?“, näselte er. Harald konnte nicht einschätzen, ob diese Frage nur Small Talk war, oder ob der lauernde Unterton Jörgs Erstaunen ausdrückte, Harald um diese Zeit schon gehen zu sehen.

„Äh, ich hab noch einen Termin wegen meiner Wohnung“, hörte Harald sich reden, nachdem er vorher seinen Chef mit einem unsicheren „Hallo“ begrüßt hatte. Harald lief wie auf Eiern weiter den Flur entlang, als befürchtete er, jemanden zu wecken. Seine Worte hatten nicht sehr überzeugend geklungen. Das nächste Mal, wenn Jörg ihn um diese Zeit schon gehen sah, musste er sich etwas Überzeugenderes einfallen lassen.

Nachdem Harald die Pforte des Instituts hinter sich gelassen hatte, verflog die Müdigkeit, die sich in dem neonbeleuchteten Labor nach ein paar Stunden Arbeit immer einstellte, augenblicklich. Seine Schritte führten ihn auf eine ungerichtete Wanderung durch die Straßen der Landeshauptstadt Kiel, an deren Universität er sein Biologiestudium absolviert hatte, um danach mit seiner Doktorarbeit am Exzellenzinstitut in der Arbeitsgruppe von Jörg zu beginnen. Er war unschlüssig, ob er noch irgendwo ein Bier trinken oder gleich nach Hause gehen sollte. Der Weg, den er einschlug, führte ihn vom Institut in die Ringstraße, wo er wohnte. Eine billige Wohnung in einem Viertel der einfachen Wohnlage, gesäumt von roten Backsteinhäusern, das Studenten, Lebenskünstler und Migranten anzog. Harald lief an dem Haus, in dem er wohnte, vorbei. Er wollte den Tag nicht schon jetzt in seinen vier Wänden beenden. Seine Schritte führten ihn weiter entlang zum Bahnhof, vor dem die roten Busse der Kieler Verkehrsgesellschaft standen. Harald lief quer durch den Bahnhof, kreuzte die Kaistraße und ging dann weiter entlang den Anlegestellen des Ostsee- und Skandinavienkais. Ein frischer Wind vom Meer blies ihm ins Gesicht. Kneipen gab es an dieser Ecke nicht und seine ursprüngliche Idee, ein Bier trinken zu gehen, hatte sich mit dem kalten Wind verflüchtigt. Was Harald auf seinem Weg durch die Straßen begleitete, war ein unbestimmtes Gefühl, nicht recht zu wissen, woran er eigentlich war und was er in seinem Leben anfangen wollte.

Kiel, 21. 3. 2011

Jörg war an diesem Montag achtundvierzig Jahre alt geworden und er ließ es sich nicht nehmen, mit seiner Arbeitsgruppe ausgiebig zu feiern. Wie immer gab er sich besondere Mühe, seinen Leuten, deren Arbeitstage gewöhnlich Überlänge hatten, an seinem Geburtstag etwas Besonderes zu bieten. Am Vormittag wurde noch emsig gearbeitet, ab Mittag gab es im Seminarraum ein reichhaltiges Büfett mit exquisiten Delikatessen. Für den Abend hatte er alle zum Besuch eines Musicals im Stadttheater eingeladen. Tanz der Vampire stand auf dem Programm. Seine Arbeitsgruppe zählte neunzehn Köpfe, zehn Studenten, sechs technische Assistentinnen und drei Wissenschaftler. Die Studenten rissen sich darum, bei ihm ihre Examensarbeiten durchführen zu können und so konnte er sich aus jedem Semester die besten Leute aussuchen.

Mit Jörg, dessen plötzliche Stimmungsschwankungen gefürchtet waren, hatte Harald bisher nicht viel zu tun gehabt. Haralds Arbeit wurde von Jörgs rechter Hand, dem frisch promovierten Alexander Curtius betreut. Alexander war nur ein paar Jahre älter als Harald und hatte seine Doktorarbeit an einer amerikanischen Eliteuniversität, Harvard oder Princeton, Harald wusste es nicht so genau, mit Auszeichnung abgeschlossen. Jörg hatte Alexander auf einem Kongress in Boston kennengelernt und ihn prompt eine Stelle in seiner Arbeitsgruppe angeboten. Von Alexander, der selbst noch praktisch im Labor arbeitete, konnte Harald eine Menge lernen.

Trotz der Vorteile für seine berufliche Karriere empfand Harald den Alltag im Labor als eine Härte. Ein Arbeitstag von durchschnittlich zehn Stunden, am Wochenende wurde auch gearbeitet. Für das Gehalt einer halben Wissenschaftlerstelle musste man sich auf eine harte 60-Stundenwoche einstellen, aber trotzdem fanden sich genügend gute Leute, für die das kein Hindernis war. Schließlich lernte man hier viel und allein die Tatsache, bei Jörg Puster gearbeitet zu haben, war ein gutes Sprungbrett für die eigene Karriere.

Jörg nutzte sein Revier, um ausgiebig zu wildern. Wenn ihm eine der Studentinnen gefiel, machte er ihr irgendwann ein ziemlich direktes Angebot, mit ihm ins Bett zu gehen. Die, die Nein sagten, waren die Ausnahme, wenn er zu später Stunde im Labor auftauchte und fragte, ob sie für heute Abend schon etwas vorhätte. Manch eine fühlte sich danach als etwas Besseres und das führte häufiger zu Reibungen innerhalb der Arbeitsgruppe. Nachdem Jörg das mitbekommen hatte, hielt er sich mehr an Frauen, die kurz vor ihrem Examen standen und sehr auf ihn angewiesen waren. Die hielten vor den anderen auch den Mund darüber, was Jörgs Launen und seine Bettkünste betraf. Arbeit ging schließlich vor Sex. Mit dem Effekt, dass Frauen, die nicht sein Typ waren, es leichter hatten, ihre Arbeit erfolgreich abzuschließen.

Einer von beiden, Jörg oder Alexander, war fast immer im Labor anzutreffen. Jörg tauchte gerne zu den unmöglichsten Zeiten auf. Er genoss es, wenn, wie er sagte, der Laden brummte, die Arbeitsplätze rund um die Uhr und sieben Tage die Woche besetzt waren. Die Arbeit machte Harald auch Spaß, es war das Ungleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit, das ihm seine Existenz als fremdbestimmt erscheinen ließ. Für die wenige Zeit, die ihm nach der Arbeit noch verblieb, suchte er nach Möglichkeit ein wenig Abwechslung.

Der dritte Wissenschaftler in der Gruppe, Marko Brant, war der ganze Gegensatz zu Alexander. Er wurde von den anderen gemieden und galt allgemein als fünftes Rad am Wagen. Ein introvertierter Eigenbrötler, der stundenlang allein im Labor vor sich hin werkelte. Wie manche meinten, kompensierte er auf diese Weise seine Probleme mit dem anderen Geschlecht. Marko war schon am Institut gewesen, bevor Jörg kam. Damals hatte Marko beste Aussichten gehabt, selbst Gruppenleiter zu werden. Er hatte mit ungewöhnlichen Ideen auf sich aufmerksam gemacht und mit seinen Experimenten internationale Beachtung gefunden. Eine Affäre um angeblich gefälschte Daten in der Arbeit seiner Doktorandin, die nie richtig aufgeklärt, zum Skandal hochkochte, versetzte Markos Karriere einen Knick. Mit dem Ergebnis, dass von da an seine Forschungen weniger gefördert wurden und er keine Studentinnen mehr ausbilden wollte. Marko war der Dienstälteste in der Arbeitsgruppe und betreute einen Studenten, Holger Prerow, der ihn in seiner Introvertiertheit noch übertraf.

Schon kurze Zeit, nachdem Jörg im Institut aufgetaucht war, begann Markos Abstieg. Man munkelte, dass Jörg mit seinen Beziehungen zum Präsidenten den intelligenten, aber sozial inkompetenten, Marko ausgebootet hatte. Jörg avancierte bald zum Gruppenleiter und wurde Markos Vorgesetzter. Marko blieb trotzdem in der Gruppe, aber das Verhältnis zwischen ihm und Jörg war von Misstrauen und gegenseitiger Abneigung gekennzeichnet.

Jörgs Geburtstagsfeier war wirklich gelungen. Alle waren begeistert und hatten Spaß daran, sich in einem anderen, nicht von der Arbeit bestimmten Rahmen, zu treffen. Die Idee mit dem Musical, als kulturelles Highlight, fanden alle toll. Zumindest sagten sie so. Marko hatte sich nach dem Sturm auf das Büffet in sein Arbeitszimmer verkrümelt. Er hätte noch zu tun und keine Lust seine Zeit unproduktiv zu verschwenden. Holger, sein Student, fand ebenfalls einen Grund, um nicht mit ins Theater zu müssen. Jeder wusste, dass Marko es schwer ertragen konnte, wie das Alphatier Jörg in der Gruppe brillierte. Aber Jörg war das schon lange egal. Marko Brant war als Person und als Wissenschaftler für ihn zu einer Belanglosigkeit geworden, die seine Kreise nicht mehr stören konnte.

Kurz bevor sie den Seminarraum, wo das Büfett angerichtet war, verließen, um ins Stadttheater zu gehen, sah sich Jörg noch einmal um. Er grunzte zufrieden, als er sah, dass alles so gut wie abgeräumt war. Ein dreigängiges Mittagsmenü, danach Kaffee und Petit Fours vom besten Konditor der Stadt. Die Party war ein Erfolg gewesen. Jörg war zufrieden und führte seine Gruppe vor das Portal des Institutes, wo schon fünf Taxen warteten, um alle zum Stadttheater zu bringen.

Später, als Harald mit den anderen aus dem Theater kam, schätzte er sich glücklich, einen Platz in Jörgs Arbeitsgruppe ergattert zu haben. Für einen Studenten der Biologie in Kiel war es das große Los. Auch wenn die Arbeit im Labor keine leichte Zeit für ihn war, besonders neben Ines, die ihn in allem immer übertraf.

Haralds Tage, Wochen und schließlich Monate im Labor waren ihm wie ein Einerlei aus den immer gleichen Abläufen erschienen. Wenn er auf die drei vergangenen Monate zurückblickte, konnte er sich nicht mehr erinnern, ob er dieses oder jenes vor drei Tagen, einer Woche oder vor einem Monat gemacht hatte. Dazu ähnelten sich die Tage mit ihren ewig gleichen Versuchsabläufen im Labor zu sehr.

Aber vor Kurzem hatte sich etwas Grundlegendes in Haralds Alltag geändert. Eine Frau war in seinem Leben aufgetaucht. Eine Frau, die den geordneten Ablauf zwischen Pipettieren, Essen und Schlafen durcheinander gerüttelt und ihn damit aus dem Konzept gebrachte hatte. Er hatte Marie eines Abends in der pequeño cantina, einer kleinen Bar unweit von seiner Wohnung in der Ringstraße kennengelernt. In diese Pinte ging er manchmal nach der Arbeit, wenn er nicht zu müde war, um gleich ins Bett zu fallen. José war Spanier und Betreiber der kleinen Bar. Er hielt seinen Laden auch noch spät abends geöffnet, wenn die Kneipen im Umkreis längst die Schotten dichtgemacht hatten.

An diesem Samstagabend hatte Marie dort auf einem Barhocker gesessen und Harald stand zufällig neben ihr, um ein Bier zu bestellen. Sie hatte ihn angeschaut und gelächelt, er hatte spontan zwei Biere bestellt und sie eingeladen. Marie wirkte so entspannt und natürlich, ganz anders als die Frauen, die er aus dem Institut kannte. Die schienen ständig unter Strom zu stehen. Bei denen wusste man nie, ob sie nicht mitten im Gespräch durch Gedanken an ihre Arbeit abgelenkt wurden, und die Hoffnung auf tiefere Kontakte sich in hektischem Wegrennen zur Bench, wie man den Laborarbeitsplatz nannte, zerstob. Marie war anders. Sie trug ihre halblangen, blonden Haare offen, schminkte sich kaum, besaß eine lebendige Ausstrahlung. Ihr Gesicht und ihre Haut waren von einer Frische, wie er es bei seinen Institutsbekanntschaften nie gesehen hatte.

Marie hätte ebenso wie er studieren können, es aber nicht gewollt und sich ihr Leben anders eingerichtet. Als sie sich das zweite Mal trafen, erzählte ihm Marie von ihrer Arbeit auf einem Bauernhof in der Nähe der Stadt. Nicht irgendein Bauernhof, ein ökologisch wirtschaftender Betrieb war das. Sie würde dort zwar nicht viel verdienen, aber mit ihrer Arbeit etwas Positives für die Menschen und die Erde bewirken. Für Harald war das eine andere Welt. So ein Leben hätte er nicht einmal in Gedanken in Erwägung gezogen.

„Wir sind eine tolle Gemeinschaft auf dem Hof“, hatte Marie erzählt. „Wir leben und arbeiten zusammen, ohne uns gegenseitig Konkurrenz zu machen. Das würde dir gefallen, es ist ganz anders als bei euch.“

Das hatte sie ihm geantwortet, nachdem Harald ihr vom Alltag im Labor, dem Konkurrenzgerangel in der Gruppe, vom Rennen um Forschungsgelder, Anerkennung, Vertragsverlängerung und Gunst der Chefs erzählt hatte. Von zehn Studenten durften höchstens zwei nach ihren Abschlüssen weiter in der Gruppe bleiben. Diese Aussicht schuf ein Klima des gegenseitigen Belauerns und Misstrauens. Als Marie das hörte, hatte sie nur ihren Kopf geschüttelt und ihn angelächelt. So etwas schien sie gar nicht zu kennen, dachte Harald und merkte, wie neidisch und ungläubig er sie dabei angesehen haben musste.

Als Harald zwei Jahre alt war, war seine Familie nach Angola gezogen. Sein Vater hatte dort als Ingenieur eine lukrative Beschäftigung für drei Jahre bei einer Kupfermine gefunden. Harald konnte sich an diese Zeit kaum erinnern. Danach kehrte seine Familie ins Ruhrgebiet zurück. Einige Jahre hatten sie dann auf dem Land in der Nähe von Dortmund gewohnt. Eine Zeit, die Harald als öde in Erinnerung geblieben war. Marie nahm das Leben in ländlicher Umgebung ganz anders wahr. Nachdem, was sie erzählte, schienen die Leute auf dem Hof aber glücklicher zu sein als jene, die er in seinem Umfeld bisher kennengelernt hatte.

Als sie das erste Mal miteinander schliefen, kannten sie sich seit drei Wochen. Es hatte sich spontan ergeben. Marie war am Samstagabend zu ihm mitgekommen, nachdem es zu spät geworden war, um noch mit dem Bus vom Bahnhof zurück zum Hof zu fahren. Harald hatte kein Auto, nicht einmal ein Fahrrad. Er wohnte nur knapp zwei Kilometer vom Institut entfernt und erledigte die meisten Wege zu Fuß. Also ging Marie mit zu ihm, und als es spät genug geworden war, um ins Bett zu gehen, war es für beide die natürlichste Sache von der Welt. Für eine Weile wurden sie eins miteinander und vergaßen die Zeit.

Nachdem sie beide ihre Körper entdeckt und danach viel zu aufgekratzt waren, um einschlafen zu können, hatte Harald viel von seiner Arbeit erzählt. Als er dann damit rausrückte, er müsse morgen früh ins Labor, fiel Marie aus allen Wolken. Selbst auf dem Hof, wo die Arbeitszeit sich an den Bedürfnissen von Mensch und Natur orientierte, war der Sonntag, bis auf das absolut Notwendigste, arbeitsfrei.

Im Exzellenzinstitut war das anders. Es war üblich, dass alle aus Jörgs Gruppe auch sonntags wenigstens für ein paar Stunden im Labor tätig waren. Er musste mitmachen, wenn er seine Chance wahren wollte, in der Gruppe zu bleiben. Die meisten aus der Arbeitsgruppe hatten keine privaten Beziehungen außerhalb des Institutes und waren froh, den Sonntag nicht allein verbringen zu müssen.

Halb mit Bewunderung, halb angewidert hatte er das erzählt, fand Marie. Als sie ihm das auf den Kopf zusagte, widersprach Harald nicht.

So trafen sie sich weiter nur an den Wochenenden. Sie gingen in die pequeno cantina, ins Kino und manchmal übernachtete Marie bei ihm. Jedes Mal war sie von Neuem enttäuscht, dass er am Sonntag arbeiten ging und kaum Zeit für sie hatte. Das verstärkte ihre Neugier auf diese, ihr fremde Welt, die Harald wie eine böse Fee im Bann hielt. Vielleicht war sie auch eifersüchtig, ob es dort nicht eine andere Frau gab, die Harald ihr verschwieg.

Kiel, 30. 3. 2011

Jörg hatte die gesamte Arbeitsgruppe für eine wichtige Mitteilung zusammengetrommelt. Es ging um eine Anordnung des städtischen Gesundheitsamtes. Für Arbeiten mit Infektionserregern galten ab sofort schärfere Sicherheitsmaßnahmen. Seine Sekretärin, Frau Steiner, verteilte Fragebögen, in denen alle Angaben über ihren Gesundheitszustand, chronische Krankheiten, Allergien, Kontaktpersonen und Medikamenten-, Tabak- und Alkoholkonsum geben sollten.

„Das wäre das Eine“, hatte Jörg gesagt und betont, dass er genau wie alle anderen teilnehmen würde. In seinem blütenweißen Kittel, den er für die Besprechung angezogen hatte, wirkte er wie der Chefarzt persönlich. „Zweitens. Jeder muss ohne Ausnahme, mich eingeschlossen, eine Stuhlprobe abgeben. Die Ergebnisse aus den Stuhluntersuchungen werden bei uns archiviert. Wenn das Gesundheitsamt die Ergebnisse einsehen will, kann man auf die archivierten Proben und die dazugehörigen mikrobiologischen Untersuchungsergebnisse zurückgreifen.“

Marko Brant schüttelte den Kopf und protestierte. „Das hat es doch noch nie gegeben! Was soll das Ganze? Das ist ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte! Ich weigere mich, da mitzumachen!“

„Es gibt Leute, die nur darauf warten, uns wegen mangelnder Sicherheitsmaßnahmen etwas ans Zeug zu flicken. Wenn du nicht mitmachst, kannst du nicht mehr mit Infektionserregern arbeiten“, hatte Jörg dem murrenden Marko geantwortet.

Harald fand Jörgs Argument verständlich. Jeder, der auch nur in einer Currywurstbude arbeitete, musste sich untersuchen lassen und Fragebögen ausfüllen. Schließlich wollte man die Menschen damit vor Ansteckungen durch Überträger von gefährlichen Mikroben schützen.

Marko nahm seinen Studenten Holger beiseite und ging nach der Besprechung in sein Labor. Nachdem er die Tür geschlossen und sich eine Zigarette angesteckt hatte, sagte er: „Wenn der glaubt, er kann mir vorschreiben, womit ich wann und wo zu arbeiten habe, hat er sich geschnitten.“

Er blies wütend den Rauch aus. Holger lächelte gequält. Ihm war nicht wohl, zwischen zwei Stühlen zu sitzen, er wollte keinen offenen Konflikt, weder mit Marko noch mit Jörg.

„Kein Wort über unsere Arbeiten zu niemand“, sagte Marko, als hätte er Holgers Gedanken erraten. Holger nickte bedrückt.

„Mach dir keine Gedanken, von mir aus bekommt er seine Stuhlproben, solange er sich nicht in unsere Projekte einmischt.“ Marko lachte hämisch. „Er wird ja nicht jedem Einzelnen bis ins Klo hinter her laufen!“

Kiel, 1. 4. 2011

An diesem Freitagabend kam Marie überraschend ins Institut, um Harald abzuholen. Er hatte nichts davon gewusst, war noch nicht mit seinem Versuch fertig und fiel aus allen Wolken, als sie gegen sieben Uhr auftauchte und sich bis zu seinem Labor durchgefragt hatte. Weil er noch zu tun hatte, musste Marie auf dem Flur vor dem Labor auf ihn warten. Aus Sicherheitsgründen durften Unbefugte den Laborbereich nicht betreten und Ines hätte auch keine Ausnahme zugelassen. So traf Jörg auf Marie, als er seine abendliche Runde durch die Laborräume drehte, um zu schauen, wer noch fleißig arbeitete. Neugierig sprach er sie an, erfuhr, dass sie Haralds Freundin war und noch ein paar Dinge mehr. Jörg konnte zu Frauen, die ihm gefielen, charmant sein und Marie ließ sich, wie er fand, davon beeindrucken.

Als Jörg dann zu Harald ins Labor kam, sah er belustigt zu, wie dieser sich bemühte, seinen Versuch schnell unter Dach und Fach zu bringen. Beim Rausgehen meinte er nebenbei: „Ne' süße Freundin hast du dir da aufgegabelt, Harald.“ Er grinste zweideutig und ließ den verdutzten Harald vor seinen Proben stehen.

Harald war irritiert, dass Jörg über alles und jeden Bescheid zu wissen schien. Er beendete unkonzentriert seinen Versuch und räumte seine Sachen schnell zusammen. Zum Glück war Ines gerade woanders gewesen, als Jörg seinen Spruch abgelassen hatte. Eine halbe Stunde war inzwischen vergangen. Als Harald auf den Flur trat, war Marie nicht mehr zu sehen. Jörg, der Kavalier, hatte sie sicherlich mit in sein Büro genommen, um sich bei einem Kaffee weiter mit ihr zu unterhalten. Die plötzlich aufkommende Eifersucht nahm Harald in ihren Griff. Nach unentschlossenem Hin und Her ging er den Flur entlang in die Richtung von Jörgs Büro. Bevor er dort ankam, lief ihm Marie durch eine Seitentür direkt in die Arme.

„Wo warst du denn?“, fuhr er sie an.

„Auf der Toilette!“, sagte Marie erstaunt über seinen gereizten Ton. „Ich muss halt mal, wenn du mich hier so lange warten lässt!“

„Sag mal, hast du mit dem Boss gesprochen?“ Haralds Gesicht war so angespannt, dass seine Wangenmuskeln deutlich zu sehen waren.

„Meinst du den Typ mit dem Schnurrbart? Ich wusste gar nicht, dass der dein Boss ist.“

„Jetzt weißt du es, und?“, bohrte Harald nach.

„Ja, was denn? Da war weiter nichts, der war ganz nett! Hat gefragt, ob er mir helfen kann, ob ich jemanden suche. Sag mal, was soll denn das, wieso verhörst du mich denn so?“

Harald zuckte mit den Achseln, aber seine Miene blieb weiterhin finster.

„Komische Stimmung hier bei euch“, stellte Marie fest. „Vorhin ist eine Frau aus deinem Labor gekommen, trug ein paar Plastikschalen vor sich mit einer Miene, als wäre es der Heilige Gral. Die hat nicht einmal geguckt, als ich freundlich Hallo gesagt habe. Mannomann! Spannungen sind das, die bei euch hier in der Luft liegen. Kein Wunder, dass dir das alles nicht bekommt. Besser, wir treffen uns nicht wieder hier. Gehen wir?“

Harald verzog sein Gesicht, nickte wortlos, nahm Marie am Arm und verließ mit ihr das Institut wie auf der Flucht. Er hatte keine Lust, mit Marie im Schlepptau, Jörg erneut zu begegnen. Die Bemerkungen, die dann kämen, konnte er sich vorstellen. Dann stünde er vor Marie da, wie ein dummer Junge und müsste sich die richtige Antwort darauf noch verkneifen.

Vielleicht sollte ich ihn bald einmal mit auf den Hof zu nehmen, überlegte Marie, als sie das Institut verließen. Aber er hatte ja nie Zeit. Vielleicht würde ihn das Leben bei uns mehr begeistern, als die Arbeit in diesem abstoßenden Gebäude, wo die Leute unzugänglich wie Autisten mit Dingen hantierten, die ihr Skepsis und Angst einflößten. Sie erinnerte sich, wie sie der Hof und die Nähe zur Natur, die man dort spürte, von Anfang an begeistert hatte. Ein Stadtkind aus München, so wie sie das erste Mal dort angekommen war. Natürlich musste sie vorher mit Jan und den anderen von der Hofgemeinschaft sprechen. Es war auch nicht sicher, dass Harald ihre Empfindungen, was den Hof und das Leben dort ausmachte, teilte. Und selbst wenn es so war, wusste sie nicht, ob er auch den anderen aus der Hofgemeinschaft gefiel.

Kiel, 2. 4. 2011

Jörg sammelte die Fragebögen für das Gesundheitsamt ein, die seine Leute über das Wochenende ausgefüllt hatten. Danach ging er. Er hatte noch eine wichtige Verabredung mit dem Dekan des Fachbereichs Medizin. Von diesem Gespräch hing einiges für ihn ab, aber das wusste niemand aus der Gruppe.

Für die bakteriologischen Untersuchungen und somit auch die Bearbeitung der Stuhlproben war Sybille Barnhelm, Jörgs technische Assistentin, verantwortlich. Manche sagten, Sybille als Chefassistentin hätte mehr Einfluss auf Jörg, als seine rechte Hand, Alexander Curtius. Bei der morgendlichen Arbeitsbesprechung verteilte Sybille Stuhlprobenröhrchen, die mit einem Strichcode gekennzeichnet waren. Auf einem Begleitzettel mit dem gleichen Strichcode musste jeder den Empfang quittieren. Sie kündigte an, die Proben am Nachmittag einzusammeln.

„Der Chef macht genauso mit wie alle anderen“, rief sie, als jemand nach Jörg, der noch nicht zurückgekommen war, fragte. Bis zum Nachmittag hatte Sybille alle Proben, bis auf die von Alexander und von ihrer Kollegin Bernadette, zusammen.

„Die von euch will ich aber bis spätestens morgen Vormittag haben, damit wir alle Proben in einem Durchgang aufarbeiten können“, sagte Sybille den beiden.

„Erzählst du uns dann, was dabei herausgekommen ist?“, fragte Bernadette.

„Ich kann Euch nur sagen, ob von den Proben überhaupt welche positiv sind. Jörg hat eure Namen in die Datenbank eingegeben, er hat den Schlüssel zu dem Barcode.“ Sybille lächelte Bernadette zu und ging zurück in ihr Labor.

Am Nachmittag gab Jörg Sybille das Röhrchen mit seiner Probe und blätterte die Zettel mit den Unterschriften durch.

„Ich bin gespannt, ob positive Proben dabei sind“, sagte er.

„Glaubst du?“

„Besser wir wissen es vorher, bevor das Gesundheitsamt selbst prüft. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, murmelte er, während er sich eine Zigarette anzündete und den Rauch durch die Luft blies.

Er scannte die Nummern der Röhrchen mit dem Lesegerät ein, wie an der Kasse beim Discounter und tippte die Namen seiner Leute entsprechend dazu. Insgesamt gab es zwanzig Proben zur Untersuchung auf Salmonellen, auf Listerien und auf EHEC. EHEC stand für enterohämorrhagische Kolibakterien, die den Giftstoff Shigatoxin produzierten.

In allen Fällen handelte es sich um Bakterien, die man sich durch verseuchte Lebensmittel einfangen konnte. Die Folgen waren Durchfall und manchmal sogar lebensbedrohliche Erkrankungen, wie Hirnschäden und Nierenversagen. In seiner Gruppe arbeiteten sie daran, die Eigenschaften der Bakterien, die zu Erkrankungen führten, zu entdecken und Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Seuchen zu entwickeln.

Als Sybille am späten Nachmittag gerade im Begriff war zu gehen, hielt Harald sie auf. Ob etwas vorgefallen sei, was diese Kontrollmaßnahmen rechtfertigte. Sybille überlegte einen Moment und meinte: „Nein, zumindest weiß ich nichts, aber wenn das Gesundheitsamt so etwas fordert, ist es besser, dem nachzukommen. Außerdem finde ich es ganz spannend zu prüfen, ob jemand von uns sich vielleicht im Labor infiziert hat. Das sollte einen Versuch wert sein.“

„Und wenn einer von uns sich im Labor angesteckt hat, fliegt der dann raus?“, fragte Harald besorgt.

Sybille zog ihre Stirn kraus und meinte dann: „Man kann sich ja überall infizieren. Aber, wenn es vom Labor kommt, könnte man vermuten, dass jemand nicht sauber gearbeitet hat.“

Als sie Haralds besorgtes Gesicht sah, musste sie plötzlich lachen: „Also, du wirst es sicher nicht sein. Du arbeitest doch gar nicht mit Infektionserregern, oder?“

Harald schaute sie an. Natürlich, sie hatte recht, er arbeitete mit Nukleinsäuren und nicht mit lebenden Bakterien. Sybille lächelte und klopfte ihm auf die Schulter, bevor sie zurück in ihr Labor ging.

Harald war davon überzeugt, dass Sybille über alles mit Jörg redete, vielleicht auch über ihr Gespräch. Er kannte sie nicht sonderlich gut, hatte aber trotzdem Vertrauen zu ihr. Er war davon überzeugt, dass Sybille ihn gerne mochte. Vielleicht kam das aber nur, weil sie ihn an eine Freundin seiner älteren Schwester erinnerte, für die er als Teenager heimlich geschwärmt hatte.

Kiel, 4. 4. 2011

Zwei Tage waren vergangen, die Sybille gebraucht hatte, um die ersten Untersuchungsergebnisse zu sammeln. Als sie ihm morgens die gesammelten Befunde brachte, machte sie ein vielsagendes Gesicht und sagte: „Die Probe Nummer Siebzehn ist positiv für EHEC mit Shigatoxin-2!“

„Also eine der Proben ist EHEC-positiv? Was ist mit Salmonellen und Listerien?“, fragte Jörg mit einem Unterton, den Sybille gut kannte.

Dieser Ton war ein Frühwarnsystem seiner schlechten Laune, die sich ankündigte. Sybille machte das schon lange keine Angst mehr und sie erwiderte nur sachlich: „Für Salmonellen und Listerien ist alles negativ!“

Inzwischen kannte sie ihn zu lange, um sich von ihm beeindrucken zu lassen. Nachdem sie vor zwei Jahren seinem Drängen einmal nachgegeben und nach einer Weihnachtsfeier in seinem Bett gelandet war, hatte er nicht mehr dieses besondere Etwas, sondern war entzaubert. Auf der persönlichen Ebene war er für sie zu einem gewöhnlichen Kerl geworden, genauso wie die, die sie schon vor ihm gehabt hatte.

Deshalb meinte sie nur: „Ich finde, eine positive Probe ist schon zu viel! Wer von der Gruppe war so fahrlässig und hat sich bei der Arbeit mit EHEC infiziert? Du hast doch den Schlüssel zu den Strichcodes!“

Er schaute sie einen Moment irritiert an. Dann schüttelte er den Kopf und meinte: „Ob sich jemand im Labor infiziert hat, weißt du doch gar nicht. EHEC kann man sich doch durch Hackfleisch oder Rohmilchkäse holen. Wie denkst du denn, haben sich die Patienten infiziert, von denen wir jeden Tag Proben bekommen? Einfach, weil sie gerade das Falsche gegessen hatten, aber doch nicht, weil die in einem Labor arbeiten!“

Sybille überlegte. Da hatte er recht. Das bewies nicht, dass sich jemand im Labor infiziert hatte. Sie sagte nichts weiter dazu und ging.

„Ich sag dir sofort Bescheid, wer es ist, sobald ich die einzelnen Proben den Namen zugeordnet habe!“, rief Jörg ihr hinterher. „Vielleicht bist du es ja!“

Er lachte, als Sybille ihn kopfschüttelnd ansah.

Eine halbe Stunde war vergangen. Als Sybille gerade dabei war, eine Reihe Petrischalen für die nächsten Untersuchungsreihen zu beschriften, klingelte das Telefon in ihrem Labor. Sie hob ab. „Ich bin's!“, hörte sie Jörgs Stimme.

„Ja, das höre ich“, sagte Sybille verwundert, „und was ist?“

„Na, ich bin es, die positive Probe!“, meinte er belustigt.

„Du?!“, rief sie aus. „Das gibt’s doch nicht! Hast du denn Beschwerden, Durchfall?“

„Nö, mir geht’s prima, aber ich werde wohl besser nach Hause gehen und die nächsten Tage dem Institut fernbleiben. Ich will nicht riskieren, jemanden anzustecken. Aus dem Labor kann ich mir den EHEC nicht geholt haben. Du weißt am besten, das ich schon lange keine Zeit mehr finde, selbst zu pipettieren.“

Zum Glück für uns, dachte Sybille und grinste. „Und was machen wir nun? Einer von den ganz gefährlichen EHEC ist es nicht, das habe ich schon untersucht. Aber sicherheitshalber sollten wir ihn zur serologischen Bestimmung an das Zentrallabor schicken!“

Das Zentrallabor gehörte zum Richard Pfeiffer Institut (RPI) in Hanau, in der Nähe von Frankfurt am Main. Es war nach einer europäischen Richtlinie als Zentrum für epidemiologische Untersuchungen eingerichtet worden und mit der Koordination der einzelnen Gesundheitsbehörden befasst.

Das Zentrallabor am RPI war eines der wenigen in Deutschland, die EHEC nach ihren serologischen Eigenschaften untersuchten. Damit konnte man bestimmen, ob Bakterien miteinander verwandt waren. Das war wichtig, um Epidemien schnell zu erkennen. Wenn mehrere Patienten alle denselben EHEC-Typ hatten, dann war es eine Epidemie, die von einer Infektionsquelle ausging. Um die Epidemie zu stoppen, musste diese Quelle dringend gefunden werden. Bei der größten EHEC-Epidemie waren in Japan 1996 über sechstausend Menschen infiziert, die Quelle des EHEC hatte man nur vermuten, aber nicht eindeutig feststellen können.

Jörg dachte kurz nach. „Ach, das ist unnötig. Ein einzelner EHEC-Stamm, womit sollen die den vergleichen? Das Zentrallabor bekommt schon genug Einsendungen von uns. Außerdem bin ich nicht krank und es gibt auch keine Anzeichen, dass sich was anbahnt. Das ist irgend so ein EHEC von der harmloseren Sorte. Was meinst du, wie viele Leute mit so etwas in ihren Eingeweiden herumlaufen, ohne davon überhaupt zu wissen?“

Wieder hatte er recht mit dem, was er sagte, aber Sybille war doch erstaunt, dass er nicht neugierig auf den EHEC-Typ war, den er sich eingefangen hatte. Vielleicht, weil er selbst der Patient war. Der Schuster trägt immer die schlechtesten Schuhe, dachte sie belustigt.

Bevor sie ihm mit diesem Spruch kommen konnte, meinte er: „Ich werde mich mal mit diesen neuen Probiotikum Profudigest behandeln. Das Zeug, von dem diese Pharmafirma Immunonova behauptet, es würde gegen EHEC helfen. Vermutlich enthält es einfach nur Bifidobakterien aus Joghurt oder so etwas Ähnliches.“ Es klang so, als würde er an die Wirksamkeit des Medikaments nicht recht glauben.

„Ich hoffe, nach der Behandlung ist meine nächste Stuhlprobe negativ. Wird ohnehin schon schwer sein, es ohne das Institut auszuhalten. Sag den anderen, was los ist und ich melde mich später wieder bei dir.“

Damit hatte er aufgelegt.

Kiel, 5. 4. 2011

Jörg war tatsächlich gegangen, nachdem er Sybille gesagt hatte, er wäre derjenige mit der EHEC-positiven Probe. Sybille hatte schon alles vorbereitet gehabt, um seinen EHEC zum Zentrallabor zur schicken, aber da er es nicht wollte, ließ sie es bleiben. Sie hatte das Probenröhrchen mit dem EHEC aufgehoben, man wusste ja nie, ob er sich nicht später anders entschied.

Sybille wäre neugierig gewesen, auf das, was er sich da eingefangen hatte. Aber sie hätte die Probe nicht ohne seine Zustimmung weggeschickt. Womöglich hätten die vom Zentrallabor irgendwann angerufen und dann wäre es herausgekommen, dass sie ohne seine Einwilligung Proben versandt hatte.

Heute wunderte Sybille sich doch ein wenig, dass Jörg nicht im Institut erschien. Sie hatte noch nie erlebt, dass er nicht zur Arbeit kam. Außer, er war ernsthaft krank, oder auf einer seiner zahlreichen Kongressreisen. Wenn er nun doch plötzlich schwer krank geworden war? Im ersten Impuls dachte sie daran, ihn anzurufen. Wenn aber nichts weiter war, würde er womöglich denken, sie suchte nur einen Vorwand, um sich bei ihm zu melden.

Jörg lebte in einer ausgebauten, ehemaligen Mühle am Rande der Stadt. Mit dem Auto war er in weniger als zwanzig Minuten im Institut. Manchmal hatte er auch Gäste bei sich wohnen, oder seine jeweilige Freundin. Meistens hielten seine Liebesbeziehungen nicht so lange, als dass man sich die Namen merken musste.

Sybille dachte über ihr eigenes Verhältnis zu Jörg nach. Mit ihm zu leben, hätte sie auch nicht lange ausgehalten. Oder dachte sie das nur, weil sie meinte, er hätte sie früher oder später sowieso fallen gelassen? Sie verzog nachdenklich ihren Mund. Schließlich gab es noch andere Männer, sie war erst Mitte dreißig und Jörg ging bereits auf die fünfzig. Sie kam gut mit ihm aus, aber ihn jeden Tag bei der Arbeit zu sehen, war schließlich etwas anderes, als ihn auch noch privat um sich zu haben.

Bis zum Wochenende würde sie alle Untersuchungsergebnisse zu Jörgs EHEC zusammenhaben. Das war tägliche Routinearbeit und Jörgs Stamm war nicht der Einzige, den Sybille zurzeit untersuchte. Zwei Stunden später, sie war gerade in die Kantine gegangen, rief er auf ihr Handy an. Er hatte ihre private Nummer gespeichert, wie auch die aller anderen aus seiner Gruppe. Aus Sicherheitsgründen, wie er sagte. Sybille gefiel es nicht, für ihn immer erreichbar zu sein. Vielleicht sollte ich meine Mobilfunknummer ändern, dachte sie. Allerdings hatte er ihr bisher dazu keinen Anlass gegeben. Richtig ausgenutzt hatte er ihre Privatnummer bisher nicht.

„Mir geht’s prima, ich schlucke das Profudigest“, erzählte Jörg auf Sybilles Frage nach seinem Befinden. „Morgen bekommst du eine neue Stuhlprobe von mir zur Kontrolle. Wenn die EHEC-negativ ist, komme ich wieder ins Institut. So mache ich gleich einen Selbsttest, ob das Profudigest hält, was es verspricht. Hoffentlich tut es das. Mir reicht es jetzt schon, hier zu Hause zu sitzen, mir fällt die Decke auf den Kopf.“

Sybille zog eine Grimasse. Wollte er bemitleidet werden, weil er zu Hause blieb? Sie arbeitete gern, hätte sich jedoch nie über freie Tage beschwert. Aber das war typisch für Jörg, den nichts anderes interessierte, als seine Arbeit. Nachdem Sybille in der Gruppensitzung berichtet hatte, dass die EHEC-positive Probe vom Chef selbst stammte, gab es ein großes Hallo und ungläubiges Erstaunen.

„Jörg hat doch schon ewig lange nicht mehr im Labor gearbeitet“, sagte Elli, eine der technischen Assistentinnen.

„Im Gegenteil, Jörg hat schon so lange mit EHEC zu tun, dass es längst ein Bestandteil seiner Darmflora geworden ist“, meinte Alexander scherzhaft.

„Er hat es eben nicht aus dem Labor, das kommt vom Fleischessen, sag ich euch. Weil er es nicht lassen kann, Hamburger in dieser Bude am Bertholdplatz zu essen“, meinte Rolf, der einzige Vegetarier in der Gruppe.

Sybille lachte über Rolfs Bemerkung. Sie hatte öfter schon versucht, mit dem Fleischessen aufzuhören, besonders nachdem sie einmal einen Veganer kennengelernt hatte. Aber dann war sie doch immer wieder schwach geworden.

„Vielleicht hast du ja recht, Rolf. Mal sehen, ob seine Kontrollprobe immer noch positiv ist.“

Kiel, 6. 4. 2011

Harald hatte schon den ganzen Tag versucht, Marie zu erreichen. Aber die Nummer von ihrem Biohof hatte er nicht und Maries Handy war seit zwei Tagen abgeschaltet. Jetzt hatte er ihr zum dritten Mal eine SMS geschickt und keine Antwort bekommen. Zu blöd, dass er den Flyer von ihrem Hof, den sie ihm, als sie sich gerade kennenlernten, zugesteckt hatte, nicht mehr fand. Harald hatte seinen Besuch dort immer wieder vor sich hergeschoben. Eigentlich, weil er Bedenken hatte, ob die Leute von der Hofgemeinschaft ihn akzeptieren würden. Marie gegenüber hatte er immer gesagt, es läge an seinem Zeitmangel.

In letzter Zeit hatte es immer öfter Verstimmungen zwischen ihnen gegeben. Marie fühlte sich von ihm ausgenutzt. Sie meinte, er würde die Spannungen, die sein falsches Leben mit sich brächten, an ihr abreagieren und sie dafür als sein Sexobjekt benutzen. Am Samstag hatten sie sich das letzte Mal gesehen. An diesem Abend hatte Marie ihm vorgehalten, er hätte kein richtiges Interesse an ihrem Leben und damit eigentlich auch nicht an ihr. Sie war dann trotzdem zu ihm mitgekommen. Kurz nachdem sie zusammen geschlafen hatten, piepte Haralds Smartphone. Es war kurz vor elf und er hatte ihr gesagt, er müsste noch ins Institut, um sein Pulse Chase Experiment rechtzeitig zu beenden. Ihren Blick, als er sich hastig zum Gehen anzog, würde er nicht mehr vergessen. Aber was hätte er denn anderes machen können? Was wusste sie denn von radioaktiven Markierungsexperimenten, von den Kosten und dem Zeitdruck, die damit zusammenhingen? Vielleicht war das der Grund, warum Ines jetzt mit seinem Betreuer Alexander liiert war? Wahrscheinlich redeten die beiden auch im Bett über ihre Laborexperimente und takteten ihre Beziehung dementsprechend ein.

Jörg hätte es nie toleriert, wenn Harald die teuren Chemikalien für die momentane Kuschellaune seiner Freundin verschwendet hätte. Aber ihr das zu sagen, hätte keinen Sinn gehabt. Als Harald zwei Stunden später in seine Wohnung zurückkam, war Marie fort. Mitten in der Nacht und ohne eine Nachricht zu hinterlassen, war sie gegangen. Er fragte sich, wie sie um diese Zeit, wo kein Bus mehr fuhr, zum Hof zurückkommen konnte. Aber vielleicht war sie ja auch ganz woanders hingegangen?

Seitdem war zwischen ihnen Funkstille. Jetzt, als sie für ihn nicht mehr erreichbar war, merkte er, wie sie ihm fehlte, wie sehr er an ihr hing. Warum war sie so empfindlich? Er liebte sie doch! Bisher war doch alles zwischen ihnen gut gelaufen und die Zeit bei Jörg würde ja auch nicht ewig dauern. Harald war verzweifelt, dass Marie das nicht verstand.

Morgen wollte er alles daran setzen, Marie zu erreichen. Er konnte ihr alles erklären und würde sie auch auf dem Hof besuchen kommen. Sie zu finden, konnte doch nicht so schwer sein. Ein Bauernhof am Stadtrand von Kiel. Zu blöd, dass er sich nicht mehr an die Adresse erinnern konnte. Morgen musste er sich Zeit dafür nehmen, auch wenn er dummerweise immer noch an diesem Vortrag für das Institutskolloquium saß. Aber es musste sein. Wenn Marie ihn nicht mehr sehen wollte, sollte sie es ihm wenigstens klar gesagt haben. Zum Glück hatte er im Labor nichts von seiner Beziehung zu ihr erzählt. Er hasste neugierige Fragen, besonders jetzt, wo ihre Beziehung gerade nicht so lief. Er ärgerte sich, dass Jörg mit ihr im Institut gesprochen hatte und von ihrer Beziehung wusste. Bei dem Gedanken, dass Jörg sich an Marie rangemacht hatte, war die Eifersucht wieder da. Vielleicht war sie in der letzten Nacht noch zu Jörg gegangen, während er den Messknecht im Institut spielen musste? Vielleicht meldete sie sich deshalb nicht mehr bei ihm, weil sie sich jetzt mit Jörg traf? Unwillig wischte Harald diesen Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf seinen Vortrag.

Kiel, 7. 4. 2011

Jörgs zweite Stuhlprobe war eingetroffen und Sybille ließ sich mit der Untersuchung mehr Zeit als nötig. Sie hatte bald festgestellt, dass seine zweite Probe EHEC-negativ war, aber fand Vorwände, ihm das Ergebnis noch nicht mitzuteilen. So hatte sie ein paar Tage länger ihre Ruhe vor ihm. Die Stimmung war entspannter, wenn Jörg nicht da war. Selbst wenn Alexander sich dann beflissen fühlte, die Rolle des Chefs zu übernehmen, war es trotzdem anders.

An diesem Tag kam Harald nach dem Essen auf einen Kaffee bei Sybille vorbei. Das machte er nur, wenn Jörg weg war. Jörg sah es nicht gerne, wenn sich zwischen seiner Chefassistentin und den anderen aus der Gruppe zu viele Vertrautheiten entwickelten. Wohl, weil er fürchtete, dann die Kontrolle über Sybille zu verlieren.

Für Harald war Sybille wie eine große Schwester, der er alles anvertraute. Sybille hatte ihm geholfen, die ersten Wochen im Labor, die für alle Neuankömmlinge schwer waren, zu überstehen. Sie hatte bei Jörg ihr Wort dafür eingelegt, das Harald nach der Probezeit in der Arbeitsgruppe bleiben durfte.

„Na, dann wollen wir mal nicht so sein“, hatte Jörg damals gesagt und ihm die Hand geschüttelt. „Also, willkommen im Klub!“

Sybille ging mit Harald auf den Flur, wo sie eine rauchen konnte. Beide standen sich gegenüber, die Kaffeetassen in der Hand. Sybille musste ihre Neuigkeiten loswerden und nutzte die Gelegenheit, um Harald von dem EHEC aus der Stuhlprobe vom Chef zu berichten.

„Stell' dir mal vor, ich weiß jetzt, warum der Chef mit seiner EHEC-Infektion nicht krank geworden ist“, sagte Sybille, um Haralds Neugierde zu wecken.

„Wieso? Warum denn?“, fragte Harald zerstreut.

„Ich habe gerade die Ergebnisse der Untersuchungen zusammengestellt. Sein EHEC unterscheidet sich von denen, die wir gewöhnlich von Patienten bekommen. Bei seinem Stamm fehlen alle EHEC-typischen Eigenschaften, nur das Shigatoxin-2 habe ich nachgewiesen“, sagte Sybille bedeutungsvoll.

Harald wusste diese Neuigkeit nicht so recht zu würdigen und zuckte verlegen mit den Schultern. Er kannte sich mit den Eigenschaften von EHEC nicht so gut aus. Sein Projekt war die künstliche Übertragung von genetischen Eigenschaften auf Bakterien, die keine Krankheitserreger waren. Deshalb sagte er: „Wieso, ich dachte, das Shigatoxin ist dafür verantwortlich, dass die Leute krank werden?“

„Aber die Leute werden nur krank, wenn der EHEC sich in ihrem Darm einnisten kann! Und diese Eigenschaften hat der EHEC von Jörg eben nicht! Ich merke schon, du hast bei den Seminaren nicht immer genau hingehört. Ihr Studenten habt nur eure eigenen Projekte im Kopf, alles andere ist euch egal.“

Harald zog ein Gesicht: „Vor lauter Arbeit kommen wir doch gar nicht dazu, uns mit Sachen außerhalb unseres Themas zu beschäftigen“, protestierte er.

„War auch nicht so gemeint“, beschwichtigte Sybille ihn. „Eigentlich weiß ich ja auch nicht so genau über dein Projekt Bescheid! Sei mir nicht böse, ich wollte eigentlich nur meine spannenden Ergebnisse loswerden!“

Harald schmunzelte: „Ist schon klar, nichts für ungut.“

Boksee bei Kiel, 8. 4. 2011

 

Jan hob überrascht den Kopf, als Clara hinter ihm auftauchte und besorgt sagte: „Jan, ich weiß nicht, was mit Marie los ist. Heute früh hat sie mir gesagt, sie fühlt sich nicht wohl und kann nicht arbeiten“.

Jan überlegte, ob das nicht mit dem Kummer zusammenhing, den Marie seit einigen Tagen mit sich herumschleppte. Er hatte sie darauf angesprochen, aber Marie wollte nicht darüber reden und hatte gemeint, es wäre nichts.

„Weiß auch nicht, was mit ihr ist. Du kannst ja noch mal zu ihr hochgehen und fragen, wie es ihr jetzt geht. Vielleicht möchte sie einen Kräutertee, oder so etwas.“

Clara nickte und verschwand. Nach einer Weile kam sie zurück.

„Marie sieht hundeelend aus, finde ich. Ich meinte zu ihr, wir sollten einen Arzt rufen, aber sie will das nicht. Sie sagt, sie wird das schon wieder hinbekommen. Ich hab ihr einen Tee gemacht. Heute Nachmittag will sie wieder mithelfen.“

Jan grummelte etwas, das Clara nicht verstand. Er hoffte, dass es um Maries Gesundheitszustand nicht so schlimm stand. Im Moment brauchten sie jeden, um die Gemüseernte, die im vollen Gang war, für den Verkauf vorzubereiten. Marie konnte ja leichtere Arbeiten, wie das Verpacken der Sprossen, die morgen zum Hamburger Großmarkt verschickt werden sollten, übernehmen.

Jan mochte Marie mehr, als er es sich zugestehen mochte. Sicher, er war zwölf Jahre älter als sie und mit Clara zusammen, aber trotzdem hatte es ihm einen Stich gegeben, als Marie von ihrem neuen Freund erzählt hatte. Einen aus Kiel, mit dem sie eine Beziehung eingegangen war. Er versuchte, sich diese störenden Gedanken aus dem Kopf zu schlagen und stapelte die Gemüsekisten dabei mit einer Wucht, die dafür nicht erforderlich war.

Am Nachmittag kam Marie herunter in die Packhalle. Blass sah sie aus und sie lief so tranig, fand Jan. Als er fragte, ob es denn ginge, sagte sie nur, sie hätte die ganze Zeit Bauchschmerzen gehabt. Aber jetzt ginge es wieder und sie könnte doch beim Verpacken mithelfen. Ohnehin sei das besser, als im Bett zu liegen und in ihren Körper hinein zu horchen.

„Ok! Wenn du meinst?“, fragte Jan. Marie nickte leicht, aber lächelte nicht.

„Sag mal, hast du Kummer? Willst du mal darüber reden?“, fragte er nach einer Weile so leise, dass nur Marie es hören konnte.

Marie schüttelte kurz den Kopf. Jan sah ihr an, dass sie etwas bedrückte, aber es war klar, dass sie keine Lust hatte, mit ihm darüber zu reden.

„Sind wahrscheinlich bloß meine Tage, die mir zu schaffen machen“, sagte sie, um Jans fragendes Gesicht mit einer passenden Antwort zufriedenzustellen. Dann ging sie zu Pauline und Waltraud, um beim Verpacken mitzuhelfen.

Bevor Jan weiter darüber nachdenken konnte, kam Clara aus dem Haus und rannte quer über den Hof auf ihn zu. „Jan, wir haben gerade ein Fax aus Hamburg bekommen, ein Großauftrag. Dreihundert Kilogramm Sprossenmischung in handelsüblichen Mengen. Aber bis übermorgen muss das alles auf dem Weg sein, sonst wird das nix. Mann! Das ist bei unserer jetzigen Finanzlage die Rettung für uns.“ Clara strahlte und Jan rechnete.

Handelsübliche Mengen, das waren Verpackungseinheiten von einhundert bis zweihundert Gramm. Das hieß, fünfhundert Gebinde mussten bis morgen Abend verpackt und versandfertig sein. Alle, bis auf Horst und Richard, waren jetzt mit dem Verpacken der Sprossen beschäftigt. Jan überlegte kurz, ließ seine momentane Arbeit liegen und reihte sich in die Gruppe ein, die mit den Packarbeiten beschäftigt war. Bald richtete er es so ein, dass er direkt neben Marie stand. Er beobachtete sie verstohlen, als sie ihr Handy herausholte und es nach einem kurzen Blick auf das Display wortlos wieder in ihre Schürzentasche steckte.

„Eine Nachricht von deinem Freund?“, fragte er nach einer Weile, nachdem er sich überwunden hatte, Marie erneut auf ihr Privatleben anzusprechen. Sie blickte ihn mit großen Augen an.

„Entschuldigung, es geht mich ja nichts an!“ Jan versuchte, die Sache gleich wieder abzuwenden.

„Jetzt meldet er sich dauernd, weil ich nichts mehr von mir hören lasse“, sagte Marie müde. Sie war froh, dass es nicht dazu gekommen war, Harald den anderen von der Hofgemeinschaft vorzustellen.

„Aber mir ist das auch ziemlich egal. Ich hab das Telefon jetzt wieder abgeschaltet.“ Sie versuchte ein Lächeln und fasste sich plötzlich mit der Hand an ihren Bauch.

„Geht es dir wieder schlecht?“, fragte Jan besorgt.

„Ach, das geht schon“, sagte Marie. „Ich dachte, es ist vorbei, aber dann hab' ich plötzlich doch wieder so eine Kolik.“

Sie fuhr fort, die Sprossen abzuwiegen. Jan schaute sie skeptisch an.

„Ist schon wieder vorbei.“ Sie lächelte ihn an, jedoch nicht so lange, als dass er sich daraufhin etwas einbilden sollte. Eine Weile stand er noch neben ihr, die ungerührt weiter arbeitete. Dann drehte er sich um und ging zu dem Platz, wo die mit Sprossen gefüllten Kisten standen, um sie versandfertig zu machen. Einige Male drehte er sich noch nach ihr um, aber sie war völlig mit ihrer Arbeit beschäftigt und schaute nicht ein einziges Mal zurück.

Bis zum nächsten Tag hatten sie es geschafft, dreihundert Kilogramm Sprossen zu verpacken und rechtzeitig an den Hamburger Großabnehmer zu verschicken. Ein Geschäft, das den Hof für ein paar Wochen aus seiner Finanzklemme helfen würde. Entsprechend gut war die Stimmung in der Hofgemeinschaft. Jan war zufrieden, dass es Marie wieder viel besser ging. Ihren blassen, melancholischen Gesichtsausdruck hatte sie nicht verloren, aber das führte er auf ihren Liebeskummer zurück. Als er nachfragte, ob sie sich wieder fit fühlte, hatte Marie nur zustimmend genickt. Also teilte er sie mit Günther und Beate zur Arbeit an den großen Trommeln ein, in denen die Samen für die Sprossenzucht mit reichlich Wasser bei Wärme und guter Belüftung auskeimten. Nach ein paar Tagen standen dann neue Keimlinge für den Verkauf zur Verfügung.

Marie liebte diese Arbeit sehr. Zu Anfang hatte sie sich an den intensiven, würzigen Duft der Sprossen und das Arbeiten in ständiger Nässe gewöhnen müssen. Aber nach einer Weile empfand sie das als schön. Es war wunderbar zu beobachten, wie nach ein paar Tagen die Keimlinge ihre winzigen Blätter zum Licht streckten. Dann griff sie zartfühlend mit ihren Händen in diese zerbrechliche Masse kleiner Pflänzchen, um sie von einem Tank in den anderen zu befördern, ohne dass sie dabei kaputt gingen.

Boksee, 12. 4. 2011

Nach einigen Tagen ging es Marie wieder viel besser und sie ließ sich zu den notwendigen Arbeiten auf dem Hof einteilen. Harald hatte immer wieder versucht, sie zu erreichen. Fünf neue SMS von ihm, die Marie nicht beantwortet hatte. Sie wollte in Ruhe über ihre Beziehung nachdenken und ließ ihr Handy fast die ganze Zeit abgeschaltet. Wahrscheinlich waren sie und Harald doch zu verschieden. Sie liebte das Leben und die Arbeit in der Natur, Harald schien dafür keinen besonderen Sinn zu haben. Da gab es noch viel Grundlegenderes, was sie trennte. Die Einstellung zur Welt, zur Rolle des Menschen in der Natur und zu den Menschen, mit denen sie in der Hofgemeinschaft verbunden war. Das gab ihrem Leben Halt und Sinn. Auch sie war in der Stadt aufgewachsen, aber ihre Eltern waren mit ihr im Urlaub oft auf einem Bauernhof gewesen. Vielleicht war es die Erinnerung an die vier unendlichen Sommerwochen auf dem Land als die glücklichste Zeit des Jahres, die in ihrer Erinnerung geblieben war. Vielleicht war das der Grund gewesen, warum sie den Weg, den sie als Erwachsene gewählt hatte, gegangen war.

Ihre Eltern waren skeptisch gewesen, sie hätten es lieber gesehen, dass ihre Tochter sich eine sicherere Existenzgrundlage aufbaute, hatten aber Maries Entscheidung akzeptiert. Einmal waren sie sogar auf ihrer kleinen Farm, wie sie sagten, zu Besuch gewesen.

Allerdings hatte Marie unter den Männern auf dem Hof niemanden gefunden, mit dem sie mehr als nur kumpelhaft befreundet sein wollte. Die Bemühungen von Jan waren ihr nicht unbemerkt geblieben, sie mochte ihn gern, fand aber, dass er zu alt für sie war. Außerdem hätte sie es gegenüber Clara mies gefunden, ein Verhältnis mit ihm einzugehen.

Als sie Harald kennengelernt hatte, schien es ihr, als sei ihr Leben perfekt, aber dieses Hochgefühl hatte sich nach einer Weile verflüchtigt. Im Laufe ihrer Beziehung hatte sie ihn besser kennengelernt, auch wenn sie ihn dafür mit Fragen löchern musste, weil er von selbst wenig über sich erzählte. Harald konnte mit der Idee einer Gemeinschaft, in der man gemeinsam arbeitete und lebte, nicht viel anfangen. Er sagte ihr einmal, das mit dem Bauernhof erinnere ihn an die Zeit, in der er als Halbwüchsiger auf einem Dorf gewohnt hatte. Es lag in der Nähe der Stadt, in der sein Vater arbeitete. Ihm war aus dieser Zeit hauptsächlich Langweile in Erinnerung geblieben. Damals hatte er angefangen, sich mit Computern zu beschäftigen, um sich von dem als öde empfundenen Alltag auf dem Dorf abzulenken. Diese, drei Jahre währende Zeit, fiel in seine Pubertät. Sie hatte ihn zu einem Einzelgänger werden lassen, dem es schwerfiel, sich spontan auf andere Menschen einzulassen. Das hinterließ Spuren, setzte sich im Studium fort und die Arbeit im Labor, die Isolation unter der Glasglocke des Instituts verstärkte diese Gepflogenheit noch. In der Arbeitsgruppe von Jörg Puster war jeder bestrebt, in möglichst kurzer Zeit für sich das Beste herauszuholen. Einen zweiten Versuch gab es nicht und Beziehungen, die auf Rücksichtnahme aufbauten, konnten für die Karriere nur hinderlich sein.

Das wusste sie jetzt von ihm. Sie seufzte. Es würde wohl schwer werden, eine Seelenverwandtschaft in einer Liebe zu finden. Am meisten betrübte sie die Tatsache, dass Harald ihre Ernsthaftigkeit nicht einmal zu bemerken schien. Deswegen hatte sie keine Lust, ihn anzurufen und noch weniger, ihn zu sehen. Die Tatsache, dass er öfter probiert hatte, sie zu erreichen, konnte sie nicht so richtig einschätzen. Vielleicht fehlte ihm nur sexuelle Abwechslung, vielleicht war es auch mehr. Es würde sich finden, dachte Marie und stand wieder auf, um sich um die Keimlinge zu kümmern.

Ein stechender Schmerz im Unterleib ließ sie innehalten. Was war das jetzt schon wieder? Sie hatte doch die Koliken seit drei Tagen nicht mehr gehabt und nun war es wieder da, doch irgendwie anders. Es würde sich beruhigen, hoffte sie und atmete bewusst tief ein und aus. Aber der Schmerz kam erneut und war so stark und anhaltend, dass Marie sich gegen den Packtisch lehnte, die Zähne zusammenbiss und sich nur noch auf ihren Atem konzentrierte. Vor ein paar Tagen hatte das noch gut funktioniert, um den Schmerz zu bekämpfen, aber jetzt wurde es ihr schwarz vor den Augen. Sie setzte sich, da kein Stuhl in der Nähe war, auf den Boden und presste ihre beiden Oberschenkel gegen ihren Körper. Als sie versuchte wieder aufzustehen, ließ es ihr Kreislauf nicht zu. Inzwischen waren die anderen auf sie aufmerksam geworden und Jan war als Erster bei ihr.

„Was ist los mit dir?“

Sie hob ihren Kopf, war leichenblass und hatte kleine Schweißtropfen auf der Stirn. „Weiß nicht“, murmelte sie. „Schmerzen ..., sind bestimmt meine Tage.“ Sie dachte daran, dass ihre Regel ausgeblieben war, nachdem sie das letzte Mal mit Harald geschlafen hatte. Das war an dem Abend, an dem er noch unbedingt ins Labor wollte. Sie war so gekränkt, dass sie wütend danach seine Wohnung verlassen hatte, mit der festen Absicht nicht mehr wiederzukommen. Seitdem hatten sie sich nicht mehr gesehen.

Jan legte seine Hand auf ihre Stirn. „Du hast Fieber, eindeutig.“

Im ersten Moment hatte er gedacht, sie wäre schwanger, aber das war es nicht.

„Dieses Mal holen wir einen Arzt“, bestimmte Jan. Die anderen, die um Marie und ihm herumstanden, nickten besorgt und zustimmend.

„Kannst du aufstehen?“, fragte Clara. Marie biss sich auf die Lippen und versuchte es, aber ihre Beine knickten wieder ein. Jan und Michael nahmen sie in die Mitte und trugen Marie ins Haus und brachten sie auf ihr Zimmer. Clara kümmerte sich um Marie, während Jan die Nummer des Arztes suchte, der vor einem Jahr schon einmal für einen Krankenbesuch auf den Hof gekommen war.

Nachdem er zehn Minuten später endlich mit Dr. Steiger verbunden war, stellte dieser ein paar Fragen und meinte dann: „Bringen Sie sie in die Notaufnahme des städtischen Krankenhauses. Nachdem was Sie sagen, halte ich das für angebrachter, als wenn ich erst zu Ihnen komme. Ich könnte nicht vor heute Abend, meine Praxis ist voller Patienten und um sicherzugehen, sollte Frau Lehnert möglichst gleich ärztlich untersucht werden. Ich werde im Krankenhaus anrufen und die Patientin dort avisieren. Ist sie transportfähig?“

Jan bejahte und erklärte sich bereit, Marie mit Clara zusammen ins städtische Krankenhaus zu bringen. Marie ging es zu schlecht, als dass sie Einwände gegen diesen Vorschlag vorbringen mochte. Clara setzte Marie neben sich auf dem Beifahrersitz des Transporters und Jan fuhr mit quietschenden Reifen los. Als sie nach vierzig Minuten in der Notaufnahme ankamen, wurden sie schon von zwei Ärzten erwartet. Jan und Clara wurden hinausgeschickt, während Marie untersucht wurde. Nach einer Viertelstunde kam eine Ärztin in den Warteraum und teilte den beiden mit, dass sie Marie hierbehalten müssten.

„Was hat sie denn?“, fragte Clara.

„Sind sie mit Frau Lehnert verwandt?“, fragte die Ärztin.

„Nein, aber wir leben und arbeiten zusammen“, sagte Clara nachdrücklich.

Die Ärztin nickte und versprach anzurufen, wenn es etwas Neues gäbe, dann drehte sie sich um und ging mit raschen Schritten wieder in das Behandlungszimmer zurück. „Fahren Sie jetzt besser nach Hause“, sagte sie, bevor sie durch die Tür verschwand. „Sie können hier nichts weiter für ihre Bekannte tun, wir melden uns.“

Nachdem sie Marie im Krankenhaus gelassen hatten, waren Jan und Clara, schweigsam in ihre eigenen Gedanken versunken, zurück zum Hof gefahren.

„Du bist in sie verliebt, gib es doch zu!“, schoss es unvermittelt aus Clara heraus. Sie saß kerzengerade neben ihm und schaute ihn von der Seite an.

„Wie kommst du denn jetzt auf so ’n Quatsch?“, fragte Jan genervt.

„Weil man das in solchen Situationen besonders gut merkt“, sagte Clara. „So übertrieben fürsorglich, wie du schon die ganze Zeit um sie herum geschlichen bist.“

„Du bist doch bloß eifersüchtig“, knurrte Jan.

Er beschleunigte den Lieferwagen mehr, als er sollte, sodass er ein paar Meter weiter vor einer Kurve scharf abbremsen musste. „Und einen Streit können wir jetzt als Allerletztes gebrauchen!“

Den Rest der Fahrt bis zum Hof sprachen sie nicht mehr miteinander. Jan dachte darüber nach, ob Clara recht hatte. Natürlich hegte er Gefühle für Marie, aber weiter war doch nichts gewesen. Er schlug sich den Gedanken aus dem Kopf und hatte keine Lust, weiter darüber zu grübeln. Das brachte doch nichts. Er würde mit Clara später darüber reden, wenn sie sich beruhigt hatte und er mehr mit sich selbst klargekommen war. Nach einer halben Stunde schweigsamer Fahrt waren sie wieder auf dem Hof angekommen. Die anderen umringten sie und fragten, was mit Marie wäre.

„Die Ärzte haben sie dabehalten. Die wollen genau wissen, was mit ihr los ist. Sie werden sich bestimmt bald melden“, sagte Clara.

Jan war nicht länger bei den anderen stehen geblieben, sondern hatte seinen Weg ins Haus und sein Zimmer fortgesetzt. Charlie, der Hofhund, wollte ihm folgen, aber Jan schickte ihn weg. Er ließ sich angezogen, wie er war, auf sein Bett fallen, starrte an die Zimmerdecke und dachte nach. Liebte er Clara noch? Er war sich nicht mehr sicher. Vieles, was ihn mit ihr verband, hatte mehr mit dem Hof und der Gemeinschaft zu tun. Und Marie? Manchmal hatte er es sich vorgestellt, er mit ihr, wie das wäre. Sie hatte so einen Enthusiasmus, eine Frische, wie sie Clara früher auch gehabt hatte. Aber Claras Frische war durch die Sorgen um das wirtschaftliche Überleben des Hofes Stück für Stück einer Müdigkeit gewichen, die schleichend in ihre Beziehung eingedrungen war.

Noch bin ich jung genug, um mein Leben völlig neu zu gestalten, dachte Jan und fuhr sich mit der Hand über seine Haare, die an einigen Stellen begannen, schütter zu werden. Noch! Aber viel Zeit blieb auch nicht mehr. Er schüttelte den Kopf. Das sind Träume, dachte er, atmete tief ein und hielt die Luft für einen Moment an, um sie wieder herauszupressen. Das Klingeln des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken. Es musste das Krankenhaus sein. Er sprang auf und ihm war für einen Moment schwindlig, aber er fasste sich und stürzte zum Telefon.

„Guten Tag“, meldete sich eine junge, männliche Stimme, „spreche ich mit der Hofgemeinschaft Keim und Sprosse?“

„Ja, mit Jan Heinrich von der Hofgemeinschaft“, bestätigte Jan. Er war ein wenig enttäuscht, dass es nicht das Krankenhaus war, sondern ein Kunde.

„Mein Name ist Harald Pütz“, sagte der Anrufer. Er zögerte, sprach dann weiter: „Also, ich wollte mich erkundigen, ob bei Ihnen eine Frau Lehnert, Marie Lehnert arbeitet?“

Jan spannte seine Halsmuskeln unwillkürlich an. Für einen Moment wollte er dem Impuls folgen, einfach aufzulegen, fragte dann aber: „Warum wollen Sie das denn wissen? Sind Sie verwandt mit Frau Lehnert?“

„Nein, das nicht. Wir sind befreundet und seit ein paar Tagen habe ich gar nichts mehr von Marie, von Frau Lehnert gehört und ich wollte mich nur erkundigen, ob ...“

„Frau Lehnert ist krank!“, entgegnete Jan.

„Was! Was hat sie denn?“, fragte Harald.

„Hören Sie. Am besten, Sie warten, bis Frau Lehnert sich bei Ihnen meldet, und rufen hier nicht wieder an“, erwiderte Jan unfreundlich.

„Ja, dann“, stotterte der Anrufer, „entschuldigen Sie bitte.“

Freizeichen. Er hatte aufgelegt.

Eifersucht! Konstatierte Jan, der den tutenden Hörer immer noch in der Hand hielt. Das ist es. Du bist verdammt noch mal eifersüchtig. Er ärgerte sich darüber, war aber trotzdem froh, sich an diesem Stadtschnösel abreagiert zu haben. Er gab sich einen Ruck und ging hinunter auf den Hof, um zu arbeiten. Clara sah ihn fragend an, als würde sie von ihm eine Erklärung erwarten, aber Jan tat so, als merkte er das nicht. Er beschäftigte sich intensiv mit einer der großen Drehtrommeln, die fürchterlich quietschte und offensichtlich einen Lagerschaden hatte.

Eine Stunde später kam Clara zu ihm. „Das Krankenhaus hat angerufen.“

„Was!!“ Und das sagst du mir erst jetzt?“

„Gerade vor fünf Minuten, du hast es neben deiner quietschenden Drehtrommel wohl nicht gehört“, sagte Clara. „Marie ist ernsthaft krank. Irgendwas mit ihren Nieren. Jedenfalls müssen sie Marie dabehalten.“

„Dann fahren wir morgen vorbei, sie besuchen!“, sagte Jan verbissen und hantierte weiter mit dem Schraubenschlüssel, um Clara nicht ansehen zu müssen.

„Das möchten die Ärzte aber nicht“, zischte Clara ihm wütend ins Ohr. „Marie ist auf der Intensivstation. Da darf sie überhaupt keinen Besuch haben!“ Sie ging, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen.

Boksee, 13. 4. 2011

Nachdem Marie die Nacht im Krankenhaus verbracht hatte, rief am Morgen eine Stationsschwester auf dem Hof an. Ob sie die Adresse und Telefonnummer von Maries Eltern wüssten? Clara war überrascht. Nein, die wusste sie nicht. Marie hatte ihre Eltern einmal auf den Hof eingeladen. Clara erinnerte sich noch gut, wie die beiden neugierig den Hof erkundet hatten. Sie wusste nur, dass Maries Eltern in München wohnten, und versprach, sich nach der Adresse zu erkundigen. Als Clara einfiel, warum die Ärzte sich nicht bei Marie danach erkundigt hatten, hatte die Krankenschwester schon aufgelegt.

Clara erzählte Jan von dem Anruf. Ihm fiel weiter nichts ein, als sie anzumeckern, weil sie sich nicht nach Marie erkundigt hatte.

„Dann kümmere dich gefälligst selbst darum!“, gab Clara wütend zurück.

Jan ging wortlos ins Haus, um in Maries Zimmer nach der Adresse ihrer Eltern zu suchen. Nach einer Weile kam er entnervt zurück. Fehlanzeige, er hatte nichts gefunden. Als er aus dem Haus wieder auftauchte, hielt Clara ihm mit einem ironischen Lächeln einen Zettel mit der Adresse von Karl und Ilse Lehnert in München vors Gesicht.

„Woher ...?“

„Aus dem Gästebuch unseres Hofes, sie hatten sich bei ihrem Besuch im letzten Jahr mit einem netten Spruch eingetragen. Du schaust da ja nie rein. Im Krankenhaus anrufen kannst du aber selbst, nicht wahr?“ Sie ging, ohne seine Antwort abzuwarten.

„Und die Telefonnummer?“, rief er ihr hinterher. Clara zuckte mit den Schultern und ging weiter. Jan starrte ihr hinterher, bis ihm einfiel, die Auskunft anzurufen. Als er endlich die Nummer hatte, rief er im Krankenhaus an, wurde zweimal weiterverbunden, bis jemand an den Apparat kam, der über die Patientin Bescheid wusste.

„Nephrologische Station, Schwester Angermann.“

Jan erzählte die Geschichte zum dritten Mal und wurde schließlich auch die Adresse von Maries Eltern los.

“Ich notiere ...“, sagte die Schwester.

„Was ist denn nun mit Frau Lehnert?“, fragte Jan ungeduldig.

„Wir dürfen keine ...“

„Auskünfte über die Patienten geben“, kam ihr Jan zuvor.

„Warum haben sie denn Frau Lehnert nicht selbst nach der Adresse gefragt?“, sagte er gereizt.

„Frau Lehnert ist zurzeit nicht ansprechbar“, erwiderte Frau Angermann ruhig.

 „Steht es denn so schlimm um sie?“, fragte Jan. Ihm wurde jetzt klar, warum das Krankenhaus sich nach den Angehörigen erkundigt hatte.

Die Schwester schwieg einen Moment. „Bitte rufen Sie morgen früh wieder an“, sagte sie, ohne auf seine Frage weiter einzugehen.

Jan blieb sprachlos in seinen Gedanken versunken. Er hielt den Hörer an sein Ohr und merkte erst spät, dass die Schwester längst aufgelegt hatte.

Boksee, 15. 4. 2011

Am Freitagmorgen rief Jan gegen sieben Uhr im städtischen Krankenhaus an. Er musste endlich wissen, was mit Marie los war. Gestern hatte er überhaupt nichts weiter erfahren können. Vielleicht war Marie den ganzen Tag zu Untersuchungen gewesen, oder hatte sich ausgeruht. Schwester Angermann hatte Spätdienst gehabt und war nicht zu erreichen. Als Jan nach Marie Lehnert fragte, wurde er weiter verbunden, um schließlich bei einem Stationsarzt in der Nephrologie zu landen.

Dr. Meurer fragte Jan, in welcher Beziehung er zu Marie stand. Jan erzählte zum wiederholten Male die ganze Geschichte. Der Arzt räusperte sich und sagte für einen Moment nichts. Als Jan sich in Erinnerung bringen wollte, hörte er, wie der Arzt sprach: „Herr Heinrich, ich muss Ihnen eine traurige Mitteilung machen. Frau Lehnert ist in der Nacht leider verstorben. Wir haben alles Mögliche getan, um ihr Leben zu retten, aber vergeblich. Frau Lehnerts Eltern haben wir bereits informiert und sie sind auf dem Weg zu uns.“

„Aber was hat Marie denn …“

„Eine tödliche Infektion, mehr darf ich Ihnen aus rechtlichen Gründen nicht sagen, Herr Heinrich. Mein aufrichtiges Beileid zum Tod ihrer Kollegin. Glauben Sie mir, dass …“

Bei den Worten hatte Jan seinen Arm mit dem Hörer sinken lassen und war leichenblass geworden. Er wollte nicht glauben, was er da gerade gehört hatte.

Er musste sofort ins Krankenhaus, mit Maries Eltern sprechen. Nur von ihnen konnte er erfahren, woran sie gestorben war. Ihnen konnte er erklären, dass Marie sich diese Seuche nicht auf dem Hof geholt hatte. Was immer es gewesen war, es kam von woanders. Bei ihnen auf dem Hof stand der Mensch im Mittelpunkt. Er kämpfte mit seinen Tränen. Verdammt, sie konnte doch nicht so mir nichts, dir nichts verschwinden, ohne das einer von der Hofgemeinschaft wusste, was mit ihr geschehen war. Marie hatte wie alle anderen gesund gelebt, seit Monaten kein Fleisch mehr angerührt. Erst, nachdem sie diesen Harald kennengelernt hatte, ging es ihr schlecht. Hatte sie nicht erzählt, dass er in einem Institut arbeitete, wo sie Bakterien genetisch manipulierten? Jan fühlte eine nie gekannte Wut in sich aufsteigen. Schließlich zwang er sich zur Ruhe, um nachzudenken.

Wenn er ehrlich war, ging es Marie, als sie mit Harald zusammen war, besser als zuvor. Vor etwa zwei Wochen hatte sich ihre Stimmung geändert. Sie war blasser und stiller geworden, wahrscheinlich hatten sie da schon Streit. Zumindest hatte Jan das gedacht und insgeheim gehofft, sie würde sich jetzt mehr für ihn interessieren. Aber Marie blieb zurückhaltend, vielleicht aber auch nur, weil sie schon krank gewesen war. Irgendwas mit den Nieren musste es sein, zumindest war sie ja auf so einer nephrologischen Station gelandet. Er musste wissen, was dahinter steckte. Jan schnappte sich die Autoschlüssel, sprang in den Lieferwagen und fuhr los, nachdem er Beate, die er auf seinem Weg zum Auto antraf, kurz erzählt hatte, was geschehen war.

Im Krankenhaus wollten sie ihn nicht auf die Station lassen. Auch wo Marie jetzt war, wollte ihm niemand sagen. Schließlich erfuhr er, dass Maries Eltern vor einer Stunde aus München gekommen waren, um ihre Tochter noch einmal zu sehen. Niedergeschlagenheit breitete sich in ihm aus. Er setzte sich auf eine Bank in die Eingangshalle und wartete. Maries Eltern müssten doch irgendwann wieder herauskommen. Ob er die beiden wiedererkennen würde? Sie waren vor über einem Jahr auf dem Hof gewesen. Er glaubte sich noch daran zu erinnern, dass Marie und ihre Mutter sich ähnlich sahen.

Nach über einer Stunde sah er ein älteres Ehepaar aus einem der Fahrstühle treten, begleitet von einer Ärztin oder Schwester. Der Frau liefen Tränen über die Wangen. Der Mann hatte seinen Arm um ihre Schulter gelegt und drückte sie an sich, fast, als wollte er sie stützen. Für einen Moment war Jan unschlüssig, aber dann war er sich sicher, das waren sie. Er ging auf die beiden zu und stellte sich vor. Die Frau schaute ihn nicht an, aber der Mann erkannte ihn.

„Sie sind von dem Hof, ich erkenne Sie wieder. Ja, Marie war ganz begeistert von ihrer Arbeit und ihrer Hofgemeinschaft.“

Jetzt blickte ihn Maries Mutter zum ersten Mal ins Gesicht und nickte nur stumm.

„Wir hatten in der letzten Zeit nur noch selten Kontakt mit Marie“, meinte ihr Vater. „Sie hatte sich richtig von uns abgenabelt. Der Hof, das war ihre neue Familie.“

„Aber ...“, meinte Jan.

„Das war Maries Entscheidung!“, sagte ihr Vater. „Wir sind Ihnen deswegen nicht gram. Wir wollten, dass es Marie gut geht und dann passiert so etwas Schreckliches ...“ Ihm blieb für einen Moment die Stimme weg.

„Was ist denn nun eigentlich mit Marie gewesen?“, fragte Jan, „uns haben die Ärzte nichts sagen wollen.“

„Marie ist gegen ein Uhr in der Nacht an Nierenversagen gestorben“, sagte ihr Vater. „Die Ärzte sagen, sie hatte Bakterien, die ihren Körper vergiftet haben. Bakterien, die man sich aus Fleisch holt, wenn es nicht richtig gar gekocht ist. Ob Marie gerne Hackfleisch isst, wollten sie von uns wissen. Dabei hat Marie uns das letzte Mal geschrieben, dass sie schon seit einem halben Jahr kein Fleisch mehr anrührt. “

„Das kann ich bestätigen“, sagte Jan, „Bei uns geht das aber so gut wie allen so ...“

„Die Ärzte wissen doch auch nicht alles“, rief Maries Mutter plötzlich heftig. „Vielleicht wollen sie uns auch gar nicht sagen, was wirklich mit ihr los gewesen ist. So ein junger Mensch stirbt doch nicht so plötzlich an Bakterien. Dagegen gibt es doch Antibiotika!“ Sie weinte jetzt.

Jan schlug ihnen vor, mit ihm auf den Hof zu kommen, aber sie lehnten ab. Es würde alles nur noch schlimmer machen, meinte Maries Vater. Das Krankenhaus würde sich um die Überführung ihrer Tochter nach München kümmern.

„Wir melden uns bei Ihnen, falls Sie zu Maries Beerdigung kommen möchten. Marie hätte sich das sicherlich gewünscht.“ Er gab Jan kurz die Hand und nickte stumm, wie zum Zeichen, dass sie jetzt genug geredet hatten. Er drückte seine Frau an sich und beide gingen zum Ausgang.

Auf der Heimfahrt grübelte Jan über das, was die Ärzte Maries Eltern erzählt hatten. Bakterien! Aus nicht gar gekochtem Fleisch! In ihm kochte es. Vom Fleischessen hatte sie das nicht. Hatte Marie nicht erzählt, dass sie in dem Institut, wo ihr Freund arbeitete, mit Durchfallbakterien experimentierten? Einmal hatte sie ihn dort besucht, wahrscheinlich hatte sie sich diese Seuche aus dem Institut geholt. Wenn dieser Kerl wieder anrufen sollte, dachte er. Seine Miene verfinsterte sich, er fühlte den Zorn wieder in sich aufsteigen und fasste einen Entschluss…

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